Unternehmer Günter Drews feierte 85. Geburtstag
Günter Drews, Unternehmer – Drews Textilien Meerane - und Meeraner Ehrenbürger, feierte am 20. Juni 2005 seinen 85. Geburtstag. Zu den Gästen der Feier in Bad Mergentheim, die am 25. Juni stattfand, gehörte auch Bürgermeister Prof. Dr. Lothar Ungerer, der die Gelegenheit hatte, zu den vielen Anwesenden der Feier zu sprechen. Da Günter Drews Frau Friedel Drews in diesen Tagen ihren 65. Geburtstag feierte, hatte das Ehepaar zum gemeinsamen 150. Geburtstag eingeladen.
Ansprache des Bürgermeisters der Stadt Meerane, Prof. Dr. Lothar Ungerer, zum 85. Geburtstag von Herrn Günter Drews, Ehrenbürger der Stadt Meerane, in Bad Mergentheim am 25. Juni 2005.
Sehr verehrte Frau Drews, sehr geehrter Herr Drews,
Für Ihre Einladung, nach Bad Mergentheim zu kommen, danke ich Ihnen von Herzen.
An Ihrer 150sten Geburtstagsfeier teilzunehmen bereitet mir persönlich und als Bürgermeister der Stadt Meerane, deren lieben Grüße ich Ihnen überbringe, besondere Freude.
Die erste Freude, meinen Damen und Herren, ist die Magie der Zahlen: 150 im Jahre 2005, einem Jahr mit
100 Jahre Jean-Paul Sartre
100 Jahre Christian Dior
200 Jahre Friedrich Schiller
100 Jahre Albert Einstein
10 Jahre Semper-Oper Dresden
55 Jahre Unternehmer Günter Drews
15 Jahre „Berlin-Berlin“
Die zweite Freude, lieber Herr Drews, bestand daraus, ein Grußwort zu entwickeln.
Blicken wir zunächst nach Berlin: Treptow, Eichenstraße, Spreenähe.
Die Berliner wissen, was hier mal war.
Oben zog sich bis Herbst 1989 der Todesstreifen entlang der Berliner Mauer.
Unten, im Militärbunker war bis zuletzt alles bereit, sich im Kalten Krieg als Dauerzustand einzurichten. Alles unter Kontrolle.
So war es. Und so sollte es bleiben, mindestens für Hundert Jahre. Soviel Stand-Zeit hatte Honecker bekanntlich Ulbrichts-Mauer vorausgesagt.
Es kam anders. Die Mauer fiel ein wie eine morsche Bühnedekoration.
Wenig später demonstrierten gemeinsam Textil- und Modeschaffende aus Ost und West ihren freien Willen und die Freiheit Ihres Schaffens in Berlin. Mittendrin Herr Günter Drews.
Diese erste Ost-West-Begegnung am Hausvogteiplatz, dem Berliner Herz der Stoff- und Modemacher, ist ein Stück Wendegeschichte. Inmitten der aktuellen Ereignisse des Jahres 1990 erinnerten Sie sich gemeinsam an die Berliner Tradition: Am Hausvogteiplatz startete der Textilpionier Valentin Mannheimer im Jahre 1837 die große Berliner Konfektionstradition.
20 Jahre später, ebnete der Berliner Stil der 50er Jahre die Wege für die Textilindustrie, für die Stoffmacher. Der eigentliche Stoff, aus dem die (Mode)Träume sind.
In der Begegnung der Gegenwart mit der Vergangenheit entwickelte der Stoffmacher Günter Drews zwei phantastische Visionen.
Vision eins: Ein Design-Wettbewerb der Freiheit, getragen von jungen Designern aus Deutschland Ost und West. Eine Hommage an das ungeteilte Berlin und an die Freiheit.
Vision zwei: Die Erweiterung der Drews-Werke im Osten Deutschlands, in Sachsen, in Meerane, einer Textilstadt mit großer Tradition.
Mit dem ersten Designer Wettbewerb „Berlin-Berlin“ am 11. März 1990 kam die „Deutsch-deutsche Mode“ auf den Laufsteg, wie die Frankfurter Allgemeine Zeitung titelte. Mit dabei in Berlin, Ministerpräsident Lothar Späth.
Nun war sie geboren, die Idee eines bezaubernden Wettbewerbes für Mode-Design. Fünf Jahre später wurde die Idee erweitert, ein regelmäßiger Wettbewerb soll die jungen Designer aus ganz Europa inspirieren.
Faszinierend die Ergebnisse. Herausragend die Gala-Orte des Finales: formvollendet 1995 in der Semper-Oper zu Dresden (mit Ministerpräsident Professor Dr. Kurt Biedenkopf, phantasievoll und großartig im Jahre 2000 im Friedrichstadt Palast Berlin und zauberhaft und stilvoll im Jahre 2003 in der Staatsoper zu Berlin, Unter den Linden.
Der Erfolg des Designer-Wettbewerbs ist fulminant. Seine Steigerung überwältigend. Seine Mode und seine Stoffe verkörpern die Ästhetik und Vitalität des Lebens.
Entscheidend ist jedoch: Wo auch immer das Finale der Wettbewerbe stattfindet, es sind die international erfolgreichen Stoff-Kollektionen der Textilproduktionsgesellschaft Drews-Schrozberg und Drews-Meerane, die von den jungen Designern Europas so einzigartig in Szene gesetzt werden.
Also hatte Herr Karl Lagerfeld doch die richtige Einschätzung: „Was heute zählt sind die Stoffe, aus denen die Mode gemacht wird.“
Stoffe eben aus dem Hause Drews.
Sehr geehrter Herr Drews,
nun sprach ich von zwei Visionen, die 1990 ihren Ausgangspunkt hatten: Meerane in Sachsen.
Für den Wiederaufbau nach den Verwüstungen des Siebenjährigen Krieges (1763) prägte Sachsen den Begriff des „retablissement“. Dahinter verbarg sich etwas Tieferes als die Wiederherstellung eines früheren Zustandes.
Viele der besten Köpfe der Zeit fanden sich zusammen, um vorausschauend wirtschaftliche Entwicklung zu planen. Neue Wirtschaftsformen wurden angeregt, neue Sektoren erschlossen, der Handel zu vorher nicht da gewesener Blüte geführt.
Die gleichen Aufgaben stellten sich 1990, aber in weit größeren geopolitischen Dimensionen.
Einerseits gab es 1990 keine Erfahrungsmuster für die Umstellung einer die Substanz verzehrende Planwirtschaft in eine produktive Marktwirtschaft.
Andererseits gab es keine Unternehmerpersönlichkeiten. Von den über 100 Textilfabrikanten, die unsere Stadt noch 1945 hatte, kehrte keiner (oder deren Nachfolger) nach der Wende als Unternehmer zurück. Bekanntlich wurden in der DDR die Unternehmen zerschlagen und enteignet.
Sie allein setzten 1992 die große Tradition fort. Und was für eine Tradition.
1871 hatte die Textilstadt Meerane 1.788 selbstständige Hauswebermeister, 192 Fabrikanten, 7 mechanische Webereien mit 2.500 Webstühlen und 4.000 Beschäftigte. Die Warenveredelung setzte ab 1880 ein. 1925 waren 67% der Arbeiter Meeranes (ca. 11.000) in der Textilindustrie beschäftigt. Ihr Werk, sehr geehrter Herr Drews, befindet sich auf dem Gelände der Mechanischen Kleiderstoffweberei von Louis Quaas & Co., die 1906 startete.
In meiner Wahrnehmung vereinen Sie in recht einzigartiger Weise den Typus des Unternehmers, der den Geist von Freiheit und Verantwortung atmet und sich in herausragender Weise für die Entwicklung einer Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung einsetzt, die diesem Ideal entspricht.
Ich erlebe Sie als Unternehmer, ganz und gar, geleitet von einem weiten wirtschafts- und sozialpolitischen Horizont: Wahrheitsliebe und Kompetenz, Nüchternheit und unbedingtes Engagement kennzeichnen Ihr Wirken.
Als Sie in Meerane Ihre Firma vorstellten, war die Reaktion der Menschen: Wir vertrauen Günter Drews, denn er überzeugt durch seine kompetente Zuversicht ohne Gesundbeterei.
Sehr geehrter Herr Drews, Sie nennen die Dinge beim Namen und machen Mut. Wenn die Einheit nachhaltig gelingen soll, müssen die Menschen in Ost und West Vertrauen gewinnen. Und sie vertrauen dem, der sie wirklich achtet. Und: Die Menschen achten, heißt an ihre Kraft glauben. Sie zeigen uns, dass es zu keiner Veränderung kommt, wenn es nicht Visionen gibt, von dem, was nötig ist, und dem, was möglich ist.
Wir sind stolz darauf, Sie als Ehrenbürger unserer Stadt zu den großen Meeranern zählen zu dürfen.
Nun ist Ihr Geschäft die Mode. Der Volksmund sagt:
Die Mode bereitet der Frau Freude, den Kaufleuten Glück, dem Ehemann Kummer. So kommt jeder auf seine Kosten.
Ihre Bezüge zur Mode verbinden sich mit Monsieur Christian Dior (1905-1957) und dem Grundverlangen der Couture: die Frauen schöner zu machen, wenngleich sich die
Dior-Frau kaum bewegen konnte. Dior gab 1947 sein Debüt als Modezeichner; finanziert durch einen Textilfabrikanten, den Stoffmacher Marcel Boussac.
Mode kann auf jene, die nicht zum illustren Kreis der Insider gehören, ziemlich unberechenbar wirken.
Vor ein paar Nanosekunden ging es noch um Hüfthosen, bauchfreie Tops und kaum vorhandene Kleidchen, die vorne und hinten geschlitzt waren. Und jetzt, was legen Sie und da vor? Hochgeschlossene Kragen, brave Röcke und Rüschenblusen; den nackten Tatsachen folgt ein Revival weiblicher Glamours.
Als Monsieur Dior seine „New Look“ präsentierte, folgte seine verführerische, elegante Interpretation von Weiblichkeit auf die harte Notwendigkeit funktionaler männlicher Kriegsuniformen.
Es sind aber noch andere Faktoren am Werk.
James Lever, einem namhaften Modehistoriker, zufolge spielt die Mode keine geringe Roille im Kampf der Geschlechter. Dieser sei tief im Innern angetrieben vom Bedürfnis der Frauen, die stärksten Partner anzuziehen. Sehnsucht muss aber immer wieder neue entfacht werden – und Kleidung ist eines der Mittel, mit dem dies geschieht. Von diesem Ausgangspunkt hat Lever seine Theorie der ständig wechselnden erogenen Zonen entwickelt: Nachdem die Aufmerksamkeit auf die Brüste gelenkt wurde, wird sie unweigerlich weitergelenkt auf den Bauch, die Beine, das Gesicht, den Rücken und so weiter – bis alles wieder von vorne beginnt.
Nun scheint Mode kompromisslos und rigoros zu sein.
Sie muss funktionieren in unserer Welt.
Sie muss gut tun, das Lebensgefühl verbessern.
Und: Der Stoff muss gut sein, der die Mode macht.
Wir wissen, dass starke Stoffe aus dem Hause Drews kommen, die einen hohen Qualitätsanspruch tragen; technologisch aber auch ethisch.
Zertifizierungen der Drews-Stoffe, ob Öko-Label oder die Zertifizierung nach „Marks & Spencer“, London, belegen dies.
Den ethischen Anspruch hat Indira Gandhi auf den Punkt gebracht. Sie sagt: „Auch in der feinsten Kleidung liegt keine Schönheit, wenn sie Hunger und Unglück mit sich bringt.“
Auch wenn der globale Wettbewerb gnadenlos erscheint, ist es eine der Stärken der Drews-Werke, das Soziale des unternehmerischen Handelns als unternehmerische Qualität zu definieren.
Lassen Sie mich, meine sehr verehrten Damen und Herren, zu einem weiteren Punkt kommen.
Von Albert Einstein stammt die Aussage:
"Persönlichkeiten aber werden nicht durch schöne Reden geformt, sondern durch Arbeit und eigene Leistung."
Nach einer aktuellen Umfrage des Instituts für Demoskopie in Allensbach sind „Arbeit und eigene Leistung“ zentrale Merkmale der Unternehmerpersönlichkeit. Sie gelten – so die sechs meist genannten Eigenschaften – als willensstarke, hart arbeitende, disziplinierte, tüchtige und risikofreudige Menschen mit „einem Blick für Chancen und Entwicklungen“.
Es ist eine der Stärken der Marktwirtschaft, dass sie die dezentrale unternehmerische Entscheidung über die Leistungserstellung garantiert.
Es ist eine der Stärken der Marktwirtschaft, dass sie auf die Unternehmerinitiative baut: Phantasie, Flexibilität, Risikobereitschaft und ein „Gespür für das Aussichtsreiche“ sind dabei zentral.
Es ist eine der Stärken der Marktwirtschaft, dass sie den unternehmerisch gewinnorientierten Wettbewerb als Leistungsanreiz besitzt.
Eine Metapher für den unternehmerischen Erfolg der Drews-Werke – aus dem Munde des Unternehmers Drews - ist der Vergleich des Unternehmens mit einem „Schnellboot und nicht mit dem schwerfälligen Tanker.
Aktuelle Entwicklungen belegen Ihre „Schnellboot-Theorie“; werfen wir einen Blick zu den Modefilialisten als neue Mode-Zaren: H&M, Esprit, Zara (Spanien).
Deren Zauberformel des Erfolges lautet:
Vertikal sein. Die gesamte Wertschöpfungskette kontrollieren - vom Entwurf bis zum Verkauf. Warum?
Mode wird situationsabhängig gekauft, in direkten und eigenen Kundenkontakte (Läden) und ist dank der jungen Kundschaft ständig in Bewegung.
Die Eigenmarken garantieren Flexibilisierung bei Auswahl und Preis und
sie ermöglichen Saison-Kollektionen plus Zwischenkollektionen.
Und sie sind schnell, die Modefilialisten, verdammt schnell, die Bandbreite:
Von der Kollektionsidee bis zur Präsentation bei Zara 6 Wochen und bei Esprit vier Monate.
Mindestens genauso schnell hat das „Schnellboot“ des Stoffmachers zu sein.
Dies gelingt Ihnen in bester Weise.
Nun wäre Herr Drews nicht Herr Drews, gäbe es da nicht eine Leidenschaft: Italien.
Von Marcello Mastroianni, dem begnadeten Schauspieler (1924-96), ist überliefert:
Modeschöpfer sind Männer, die das Zweitschönste auf der Welt tun: Frauen anziehen.
Möglicherweise führte diese Erkenntnis Mastroiannis Herrn Drews früh nach Italien, nach Prato bei Florenz.
Wahrscheinlicher ist jedoch der Sinn für die schlichte Form des Italian Style der fünfziger Jahre;
weltweit ein Synonym für Raffinesse, Modernität, Schlichtheit und zeitlose Schönheit;
Taktgeber eines europäischen Lebensgefühls, das Teil der Philosophie des Unternehmens und von Ihnen wurde.
Sie haben früh gesehen, dass kein anderes Land in den vergangenen Jahrzehnten mit seinem Sinn für Form und Ästhetik, seinen kulinarischen Genüssen und seinen kulturellen Traditionen so viel Spuren im europäischen Befinden hinterlassen hat, wie Italien;
die italienische Lebensart als Impuls europäischen Zeitgeistes zieht sich wie ein roter Faden von der kulinarischen Tradition über die Entwicklung des modernen Industriedesigns bis hin zur Kunst, Kultur und Mode.
Italienische Modedesigner gehören zu den wegweisenden Kräften der globalen Modebranche. Armani, Dolce&Gabbana, Versace, Cerrutti zählen zu den Stars der internationalen Fashion-Labels.
Auch in der Textilindustrie spielt das Modeland Italien eine tragende Rolle.
Und mittendrin: die Drews-Werke.
Ihre Erfolgsgleichung hat zwei Faktoren: Creativitiät und Rentabilität.
Es ist die Fähigkeit das Label „Drews-Stoffe“ ständig ästhetisch und technologisch zu erneuern.
Es ist die überragende Qualität der Stoffe, die besondere Art der Herstellung und die überdurchschnittliche Qualifikation der Drewsianer.
Wenn der Geburtstag das Echo der Zeit ist, so wird das Leben nach Jahren gezählt …. ich füge hinzu: und nach Taten gemessen.
Das gilt in besonderem Maße für Frau und Herrn Drews.
Denn, meine Damen und Herren, der Mode entkommt man nicht. Denn auch wenn Mode aus der Mode kommt, ist das schon wieder Mode.
Herzlichen Glückwunsch und vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.
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