Meeraner Bombings „Liebe Meeraner, der Beweggrund meines Schreibens sind die neuerlichen und zunehmenden illegalen Graffitis in unserer Heimatstadt. Da ich selbst vor vielen Jahren einmal illegal mit Sprühen angefangen habe, will ich die Leute, die das getan haben, nicht von vornherein verurteilen, sondern zuerst einmal etwas über die Hintergründe erzählen, warum Jugendliche so was überhaupt machen und was die so genannten „unleserlichen Gekritzel“, wie sie immer bezeichnet werden, zu bedeuten haben. Ich erachte es als wichtig, dass man, um wirklich sachlich über etwas urteilen zu können, auch darüber Bescheid weiß. Es war der 21.07.1971, als in der New York Times ein Artikel über einen Jungen stand, der als Fahrradkurier jobbte und während seiner Botengänge durch die ganze Stadt überall sein Pseudonym TAKI 183 anbrachte. Dieses Anbringen der eigenen Signatur nannte man taggen, die Unterschrift ist das Tag. TAKI 183 war bei weitem nicht der erste, der es tat, aber durch die Aufmerksamkeit, die ihm die Presse schenkte, animierte er hunderte Jugendliche, es ihm gleich zu tun, in der Hoffnung, so aus der Anonymität der Großstadt heraus zu treten. Doch auch der Wettkampf untereinander war den Protagonisten wichtig. Die Anfänge von Graffiti waren also erst mal nichts anderes als das Bedürfnis, sich irgendwo zu verewigen. Mal ehrlich, wer von Ihnen hat noch nie seinen Namen irgendwo hin geschrieben, nur um zu zeigen Ich war hier! ? Der eigene Name oder ein Herz im Baum als Liebesbezeugung oder Johann Wolfgang von Goethe, der seinen Namen auf dem Straßburger Münster einkratzte und das Gedicht „Über allen Gipfeln ist Ruh" an die Innenwand des Jagdhauses auf dem Gickelhahn bei Ilmenau schrieb. Sie sehen, so neu ist das Ganze nicht, und was man normalerweise als Vandalismus bezeichnen würde, bekommt unter anderen Gesichtspunkten schnell etwas Künstlerisches. Wer würde Goethe schon dafür verurteilen? Und so stecken heute in der Regel hinter den Verursachern solcher Schriften nicht etwa gelangweilte Kids oder arbeitslose Jugendliche, die sich dieses Mittel als Protest gewählt haben, sondern eher gebildete und kunstinteressierte junge Leute, die meist auch auf anderen Gebieten sehr aktiv und zielstrebig sind. So kam es, dass es nicht mehr ausreichte, seinen Namen nur irgendwie anzubringen. Um aus der immer größer werdenden Schar von Taggern noch aufzufallen wurde es nötig, seine Buchstaben kreativer zu gestalten, Schatten oder 3D-Blöcke anzuhängen, verschiedene Farben zu benutzen und erst viel später das Ganze auch noch mit Figuren zu unterstützen. Aber all das ist immer nur schmückendes Beiwerk. Und auch, wenn meine Bilder in der Bevölkerung den größeren Zuspruch wegen ihrer Verständlichkeit finden, so ist doch das, was Graffiti wirklich ausmacht der Name, das Wort, die Buchstaben. Es geht nicht immer darum, irgendwas lesbar zu schreiben. Die Writer, wie die Sprüher eigentlich genannt werden, haben genau wie die mittelalterlichen Mönche oder arabischen Schönschreiber die Schrift an sich zur Kunstform erhoben. Zurück zu den neuen Graffitis oder Bombings , wie die großen, illegal angebrachten Styles heißen. Das ursprüngliche Ziel beim illegalen, wie auch beim legalen Sprühen ist es, Fame, also Ruhm zu erreichen. Und dazu braucht man entweder einen besonders guten oder originellen Style, riskante Orte, eine große Menge angebrachter Schriftzüge, Sticker oder Schablonen. Oder, und das ist dann heutzutage meist nur noch bei legalen Graffitis der Fall, eine besondere Qualität. Und da fehlt es den Meeraner Bombings doch an einigem. Zu den Betroffenen muss ich sagen: Jeder Tag, den ein illegales Graffiti zu sehen ist, ist ein Erfolgserlebnis für die Macher. Denn nur so kann er ja seine Tat bekunden. Deshalb mein Rat: Fotografieren und dann sofort Farbe nehmen und überstreichen. Mit einer Anzeige erreicht man in der Regel nicht viel.
Bisher hatte ja Graffiti in Meerane und Glauchau einen recht guten Ruf. Das lag sicher auch daran, dass wir für den Nachwuchs immer ausreichend legale Flächen zur Verfügung hatten. Auch in Meerane wird der Platz jetzt knapp und so wäre es gut, wenn neue Flächen zur Verfügung gestellt werden könnten. Vergessen Sie aber nicht, die Kids sprühen diese Bilder auf eigene Kosten und Spraydosen sind teuer. Also verlangen Sie nicht, dass sie Meisterwerke eines Profis hinlegen. Und auch nicht, dass sie auf ihre Styles verzichten. Sie zahlen dafür, also entscheiden sie auch, was sie malen wollen. Wenn sie etwas anderes sehen wollen, sind die Sprayer gegen eine kleine Spende bestimmt bereit, auf Ihre Wünsche einzugehen. In diesem Sinne hoffe ich dann doch auf ein kreatives Jahr 2006! |