Aktuelles (07.05.2008)

 


"Paul und ich " - Schauspieler Winfried Glatzeder begeistert Meeraner Publikum

Winfried Glatzeder brauchte nicht eine Minute, um die zirka 130 Besucher in der Meeraner Stadtbibliothek für sich einzunehmen. Der bekannte Schauspieler („Die Legende von Paul und Paula“) las am 28. April 2008 aus seiner Autobiographie „Paul und ich“ und begeisterte mit seiner sympathischen, offenen und witzigen Art sein überwiegend weibliches Publikum auf der Stelle.

Nach zwei Komplimenten für die schöne historische Bausubstanz von Meerane – „Ich bin durch Ihre Stadt gegangen, wirklich wunderschön. Ich kann mir vorstellen, wie schön es hier erst aussieht, wenn alle Vermögensfragen geklärt sind“ – und die neue Stadtbibliothek deklamierte er zuerst einmal den Osterspaziergang. Allerdings ersetzte er den Buchstaben „l“ jeweils durch ein „n“ und schon hier wurde deutlich, dass weniger der Schriftsteller, sondern vielmehr der Schauspieler vor seinem Publikum steht. Dafür gab es für den inzwischen 63-Jährigen, dem man dieses Alter nun wirklich nicht unbedingt ansieht, den ersten großen Beifall und viel Gelächter, als er „nachlegte“ und das fehlende Podest reklamierte, durch das ihm nun der „Bnickkontakt“ zu seinem Publikum fehle. Das war nicht lange ein Problem, nach einer halben Stunde setzte sich Glatzeder auf den Tisch.

„Paul und ich“ ist das erste Buch, das Winfried Glatzeder gemeinsam mit Manuela Runge geschrieben hat. Und es bleibt das einzige, wie er betonte.
„Vorspiel im Hinterland“ heißt das 1. Kapitel und hier beginnt Winfried Glatzeder zu lesen: „Ich wurde auf einem kurzen Fronturlaub gezeugt, zwischen zwei Schlachten in einer heißen Julinacht 1944 irgendwo zwischen Danzig und Lemberg. Auf dem knarrenden Eis enbett einer schmuddligen Pension voller erschöpfter Soldaten und deren hübsch gemachter Frauen sollte hier mit höchstwehrmachtlicher Erlaubnis der Nachwuchs für das siegreiche ‚Dritte Reich' produziert werden. Wo Ellen, so hieß meine Mutter, diesen kuriosen Bayern namens Franz, den ich nie zu Gesicht bekam, kennengelernt hatte, verschwieg sie mir ein Leben lang...“.

Winfried Glatzeder liest und erzählt – von der Kindheit bei den Großeltern und später bei Mutter und Großmutter, die beide Ellen hießen, von Kinderstreichen, der Schulzeit oder den Versuchen der Mutter, einen neuen Mann, bzw. vielmehr endlich einen Vater für den aufsässigen Sohn zu finden. „Ich war tatsächlich ein ziemlich bösartiges Kind“, erklärt er seinem Publikum und gibt Kinderstreiche zum Besten. Nach der Schulzeit folgt eine Lehre zum Maschinenbauer mit Abitur und hier macht er in einer Kabarettgruppe die ersten Schauspielerfahrungen vor Publikum. „Während die anderen in den Produktionshallen schwitzten und das Volkseigentum mehrten, dichteten wir Lieder und Texte für unser Programm.“ Als die Ausbildung beendet ist, gibt es für ihn keine Alternative mehr: „Ich wollte Schauspieler werden.“
Winfried Glatzeder besteht Eignungsprüfung und Aufnahmeprüfung und beginnt mit dem Studium an der Filmhochschule Babelsberg. In seinem Buch beschreibt er seine Erfahrungen mit Theater, Film, Regisseuren, Schauspielern und auch der immer wiederkehrenden Zensur durch den Partei- und Staatsapparat. Viele Projekte können nicht verwirklicht werden, z.B. auch die Fortsetzung von „Paul und Paula“, Stücke und Drehbücher müssen umgeschrieben werden, gute Regisseure verlassen die DDR. Dies und die Tatsache, dass Glatzeder noch als 36-jähriger Familievater zum Dienst in der Nationalen Volksarmee eingezogen werden sollte, führten später auch zu seinem Ausreiseantrag. 1982 ging er mit seiner Familie nach Westberlin.

Mühelos nimmt Glatzeder sein Publikum gefangen, wenn er liest, wenn er erzählt, wenn er abschweift, obwohl seine Frau Marion ihn immer warnt, wie er sagt: „Schweif nicht ab, du schaffst es nicht, zurückzukommen...“. Sein Publikum hilft weiter.
Am Ende der nicht nur sehr interessanten, sondern zugleich sehr unterhaltsamen Lesung gibt es großen Applaus für den Schauspieler. Bei der abschließenden Signierstunde hat Winfried Glatzeder über eine dreiviertel Stunde alle Hände voll zu tun. Geduldig signiert er seine Bücher, drückt Hände und nimmt – völlig verdient – viele Komplimente entgegen.

Der Schauspieler Winfried Glatzeder war am 28. April zu Gast in der Meeraner Bibliothek, rechts im Bild mit der Leiterin der Bibliothek Angelika Albrecht.
Im Anschluss an die Lesung erfüllte Winfried Glatzeder unzählige Autogrammwünsche.
Fotos: Stadtverwaltung, pro|picture
   

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