Aktuelles (17.11.2008)

 

Volkstrauertag 2008 – Gedenkfeier der Stadt Meerane

Am Gedenkstein für die gefallenen Soldaten des Ersten Weltkrieges in Seiferitz fand am Volkstrauertag am 16. November die Gedenkfeier der Stadt Meerane statt. In Ansprachen würdigten Bürgermeister Prof. Dr. Lothar Ungerer (2.v.l.) und Pfarrer Clemens Baumert (li.) den Gedenktag.
Die Feier wurde musikalisch durch den Posaunenchor der Kirchgemeinde St. Martin begleitet. Neben Bürgerinnen und Bürgern, Vertretern Meeraner Vereine und Mitgliedern des Stadtrates, nahm auch der Meeraner Landtagsabgeordnete Dr. Jürgen Martens an der Feierstunde teil.


Auszüge aus der Ansprache von Bürgermeister Prof. Dr. Lothar Ungerer:

„Der Volkstrauertag in Deutschland ist ein Tag des Erinnerns, des Gedenkens und der Mahnung zum Frieden. Wir trauern heute um die Männer, Frauen und Kinder, die ihre Lebensträume und ihr Lebensglück durch Krieg und Gewaltherrschaft verloren.
Wir gedenken heute der Soldaten, die in den Weltkriegen starben, der Menschen, die durch Kriegshandlungen oder danach in Gefangenschaft und als Flüchtlinge ihr Leben verloren.

In seinem Gedicht „Die jungen toten Soldaten“ bringt Archibald MacLeish (Jg. 1892, amerikanischer Lyriker, Kriegsteilnehmer im 1. Weltkrieg) dieses Gedenken für uns Lebende zum Ausdruck.

Die jungen toten Soldaten sprechen nicht.
Aber man hört sie in stillen Häusern: wer hat sie nicht gehört?
Sie haben ein Schweigen, das spricht für sie, nachts, wenn die Uhr schlägt.
Sie sagen: Wir waren jung. Wir sind gestorben. Denkt an uns.
Sie sagen: Wir haben getan, was wir konnten, aber bevor es vorbei ist, ist es nicht getan.
Sie sagen: Unser Tod ist nicht unser. Er ist euer; er wird bedeuten, was ihr daraus macht.
Sie sagen: Ob unser Leben und Tod für Frieden war, und für neue Hoffnung, oder für nichts, können wir nicht sagen, denn ihr müsst es sagen.
Sie sagen: Wir lassen Euch unsere Tode. Gebt ihnen Sinn.
Wir waren jung, sagen sie. Wir sind gestorben. Denkt an uns.

Was verbinden wir im Jahre 2008 mit dem Gedenken am Volkstrauertag?
Warum gedenken wir heute hier am Gedenkstein für die gefallenen Soldaten des Ersten Weltkrieges in Seiferitz?

Vor 90 Jahren wurde am 11.11.1918 mit dem Waffenstillstand der Erste Weltkrieg beendet.
Bis zum 25. September 1918 waren etwa 4.500 Männer aus Meerane in den 1. Weltkrieg gezogen (knapp 20% der damaligen Stadtbevölkerung). Über 1000 Meeraner kehrten nicht zurück. Sie starben auf den Schlachtfeldern Europas. Ihre Namen sind in den Gedenkstätten unserer Stadt zu lesen. Viele von ihnen sind in Frankreich, in Verdun, im Kriegsjahr 1916 gefallen. Ihre Namen sind auch hier am Seiferitzer Kriegerdenkmal zu lesen. Das Denkmal bewahrt die Erinnerung der im K rieg Gefallenen.

Die unmenschlichen Schicksale des Krieges fördern die Sehnsucht nach einer besseren Welt. Wo „Krieg“ ein anderes Wort für „Tod“ wird, muss „Frieden“ ein anderes Wort für „Leben“ werden. Hass, Feindschaft, Fanatismus, Geltungssucht, Gewalt kennzeichnen den Unfrieden.

Dennoch spricht Jesus Christus von der Feindesliebe. Darunter ist auch die Ent-Feindungsliebe zu verstehen:
Ich gebe dem anderen die Chance, nicht Feind bleiben zu müssen, etwas anderes zu werden als der Feind, vielleicht sogar ein Freund. Diese Botschaft der Ent-Feindungsliebe hat eine gewaltige politische Kraft. Sie stiftet Frieden.

Nach dem Ersten Weltkrieg stehen dafür deutsche und französische Politiker wie Aristide Briand, Gustav Stresemann oder Walter Rathenau.

Dennoch scheiterte der Frieden erneut. Der Totalitarismus verriet die Brüderlichkeit der Europäischen Völker. Die Dimensionen des Zweiten Weltkrieges gingen über die Vorstellungskraft der Menschen hinaus:
Das grausame Sterben der Soldaten (z. B. in Stalingrad), die technische Todesspirale („Wunderwaffen“ und Atombomben), der Krieg gegen die Zivilbevölkerung, der Völkermord an den Juden, der oft grausame Verlust der Heimat und die tiefe Menschenverachtung der Nationalsozialisten.

Wir gedenken heute auch der Deutschen, die diesen mörderischen Kreislauf durchbrachen, die gegen das totalitäre System der Nationalsozialisten arbeiteten und kämpften.

Für die Ent-Feindungsliebe stehen nach dem Zweiten Weltkrieg wieder deutsche und französische Politiker wie Robert Schuman, Jean Monnet, Konrad Adenauer, Charles de Gaulle aber auch Walter Scheel und Willy Brandt.

Heute, 63 Jahre nach Kriegsende des Zweiten Weltkrieges, können wir sagen, dass das Projekt gegen Nationalismus und Krieg erfolgreich war. Die europäischen Mächte Deutschland und Frankreich sind gegeneinander kriegsunfähig; die Freundschaft ist in Europa tief verwurzelt. Jean-Claude Junker, Premierminister Luxemburgs, formulierte in diesen Tagen treffend zum Europäischen Einigungsprojekt:

Wer am Sinn der Europäischen Union, der europäischen Einigung zweifelt, der möge sich die Soldatenfriedhöfe überall in Europa anschauen.

Doch blicken wir nochmals in das Jahr 1945.
Frauen und Kinder unserer Stadt trauerten um ihre verlorenen Männer, Väter und Söhne.
In einer – bis heute vorläufigen – Zahlenermittlung aus dem Jahre 1946 hat die nationalsozialistische Gewaltherrschaft tief in das Leben der Meeraner eingeschnitten:
840 gefallene Soldaten
565 Kriegsbeschädigte
607 Kriegswitwen
426 Kinder verloren ihre Eltern
23 Menschen starben bei einem Luftangriff

Die kleine jüdische Gemeinde Meeranes hat nicht überlebt; ihre Spuren verlieren sich in den deutschen Vernichtungslagern.

Wir gedenken heute der Meeraner Männer und Frauen des politischen und geistigen Widerstands, die inhaftiert und ermordet wurden. Stellvertretend sei für alle der Meeraner Schriftsteller Erich Knauf genannt.

In unserer Stadt starben eine unbekannte Anzahl inhaftierter Kriegsgefangener. Diejenigen, die mit dem Kriegsende die Gewaltherrschaft überlebten, kehrten von Meerane aus in ihre Heimatländer nach Frankreich und Italien, nach Serbien und in die Sowjetunion zurück.

Der nationale Wahnsinn führte zu Vertreibung; insgesamt wurden 14 Millionen Menschen aus Deutschland zu Flüchtlingen, auf der Suche nach einer neuen Heimat, die auch in Meerane gefunden wurde.

Wir gedenken heute auch der Meeraner Männer, die ihre Gefangenschaft nicht überlebten und vor allem in den unmenschlichen Lagern der Sowjetunion den Tod fanden.

Aber, meine Damen und Herren, unser Leben steht im Zeichen der Hoffnung auf Versöhnung unter den Menschen und Völkern. Unsere Verantwortung gilt der Menschenwürde und dem Frieden unter den Menschen hier in Meerane, in Sachsen, in Europa und in der Welt.

Die Werte des deutschen Grundgesetzes sind auch das Vermächtnis derjenigen, die gelitten haben. Freiheit und Menschenwürde:
Die Menschenwürde ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.

Mit Worten von Erich Mühsam (Jg. 1878, deutscher Journalist und Lyriker, der 1934 im KZ Oranienburg verstarb.) danke ich Ihnen allen für das Gedenken.“

Versöhnung  

Tore der Freiheit auf! – Feinde von gestern,
nehmt unsre Hände hin, Brüder und Schwestern!
Arbeiter, Bauersmann, Bürger, Soldat –
eigenes Schicksal will eigenen Rat.
Glückliche Ernte will zeitige Saat. –
Nieder die Grenzen, die uns geschieden!
Völkerfreiheit wirke das Band
ewiger Freundschaft von Land zu Land, -
wirke der Völker ewigen Frieden.


Pfarrer Clemens Baumert von der Katholischen Gemeinde St. Marien Meerane sprach zu den Anwesenden:

"Dieser Gedenkstein hier für die Gefallenen 1914 bis 1918 enthält 28 Namen. Jeder Name aber ist ein Menschenschicksal. Wie sind Sie wohl gestorben, was hat sie zuletzt bewegt? Ein Fluch auf die Sinnlosigkeit des Krieges? Ein Gedanke an die Lieben daheim? Ein Gebet?
Wir wissen es nicht. Das gehört auch zur Trauer dieses Tages. Als Christen bleiben wir nicht bei der Trauer stehen. Es ist Trauer mit Hoffnung.
In dem Buch "Lichter am Grabe" von Josef Schneller las ich: Hoch auf den Karpathen liegt ein Soldatengrab eines unbekannten Soldaten. Niemand weiß, wer drin ruht, ob Deutscher, Russe, Ungar oder Rumäne. Auf dem Kreuzesholze war zu lesen: 'Hier ruht ein Soldat'. Zwei deutsche Soldaten kamen vorbei und sagten: 'Das ist aber eine armselige Inschrift.' Sie schrieben noch hinzu: 'Er starb für sein Vaterland'. Das stimmt auf jeden Fall, meinten sie.
Als sie nach einiger Zeit wieder an dem Grab vorbeikamen, war darunter als dritte Inschrift geschrieben: 'Ich bin die Auferstehung und das Leben.' "
Ein Wort der Hoffnung, von Jesus Christus.
Die unzähligen Kreuze auf den Soldatenfriedhöfen der Welt verweisen auf Christus. Nicht wenige werden mit dieser Hoffnung gestorben sein."

 


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