Begegnung mit Zeitzeugen
Überlebende des Holocaust und des Konzentrationslagers Auschwitz zu Gast an der Tännichtschule
Im Rahmen des Projektes "Zeitzeugen begegnen Schülerinnen und Schülern" waren am 16. September 2008 Frau Henrietta Kretz und Herr Marian Majerowicz zu Gast an der Tännichtschule. Die Meeraner Mittelschule hatte sich um die Teilnahme an diesem Projekt, das vom Sächsischen Kultusministerium und dem Maximilian-Kolbe-Werk getragen wird, beworben.
Ziel des Projektes ist die Begegnung von Zeitzeugen mit Jugendlichen. Menschen, die in Konzentrationslagern unsäglich gelitten haben, geben ihre Erfahrungen an junge Menschen weiter. Das Maximilian-Kolbe-Werk lädt dazu jährlich KZ- und Ghetto-Überlebende nach Deutschland ein, um in qualifizierten Schulprojekten das Gespräch mit den Schülerinnen und Schülern zu führen.
Henrietta Kretz und Marian Majerowicz wurden bei ihrem Besuch in Meerane von Gert Leitner vom Maximilian-Kolbe-Werk und der Studentin Joanna Liskowski, die für Herrn Majerowicz übersetzte, begleitet. Schulleiterin Marion Kirmse und die Lehrerinnen Antje Ungerer und Rosemarie Lorenz, die das „Zeitzeugenprojekt“ in der Schule betreuen, begrüßten die Gäste. „Wir danken Ihnen, dass Sie bereit sind, unseren Schülern von Ihren schlimmen Erfahrungen zu berichten. Wir freuen uns sehr, dass Sie bei uns sind“, sagte die Schulleiterin.
Gert Leitner bedankte sich im Namen der Zeitzeugen für das Engagement der Schule: „Ihre Schule ist Gastgeber für das Zeitzeugenprojekt, Sie geben Ihren Schülern die Möglichkeit, mit Zeitzeugen zusammenzutreffen. Wir erleben immer wieder, wie wichtig diese intensiven Gespräche für die Schüler sind. Wir freuen uns, hier zu sein“, sagte er.
Henrietta Kretz aus Antwerpen ist gebürtige Polin. Vor den heranrückenden Deutschen musste ihre jüdische Familie nach Lwiw (Lemberg) in der heutigen Ukraine fliehen und kam später ins benachbarte Sambor. Dort wird auch Henrietta – als 8-Jährige - von der Gestapo verhaftet und soll nach Auschwitz deportiert werden. Ihr Vater, ein Arzt, kann sie rechtzeitig aus dem Gefängnis herausschleusen und sie überlebt in verschiedenen Verstecken die Zeit des nationalsozialistischen Terrors. Sie musste jedoch mit ansehen, wie ihre Eltern erschossen werden.
Henrietta Kretz berichtet im Gespräch mit den Schülern der 10. Klassen – sie spricht selbst sehr gut deutsch – von den schrecklichen Erfahrungen im Gefängnis, von den verschiedenen Verstecken der Familie, vom Tod ihrer Eltern und ihrer Einsamkeit und Verzweiflung, von Hunger und Schmerzen. „Die Kinder im Ghetto hatten nur einen Gedanken: Hunger. Hunger tut so weh“, sagte sie. In einem Versteck war die Familie nach der Flucht aus dem Ghetto mehrere Monate in einem Kohlenkeller untergebracht. „Vier Monate Dunkelheit, nur zum Essen wurde eine Kerze angezündet. Aber meine Eltern haben die ganze Zeit über Geschichten erzählt, aus unserer Familie und Märchen. Dann sind wir auf den Dachboden umgezogen und nach vier Monaten konnten wir uns endlich wieder sehen“, erzählte sie. Dieses Versteck wurde jedoch verraten und auf dem Weg zum Gefängnis wurden ihre Eltern erschossen. Henrietta gelang die Flucht, sie irrte umher und lief auch zum Haus einer Freundin. „Ihre Mutter sagte, du kannst hier nicht bleiben, aber ich wollte unbedingt meine Freundin sehen. Also ließ sie mich kurz in ihr Zimmer blicken. Meine Freundin schlief in ihrem Zimmer in ihrem Bett und ich sah plötzlich, dass es noch Menschen gab, die ein ganz normales Leben führten, in einer ganz normalen Welt, etwas ganz anderes, als ich die letzten Monate erlebt hatte. Ich lebte in einem Alptraum“, erinnert sie sich.
In einem Waisenhaus wurde sie versteckt, zusammen mit anderen jüdischen Kindern und Zigeunerkindern, bis zum Einmarsch der russischen Armee.
Nach dem Krieg musste Henrietta Kretz jedoch schnell die Erfahrung machen, dass die Vorurteile gegenüber Juden geblieben waren. „Der Krieg war vorbei, die Dummheit der Menschen nicht“, sagte sie und wandte sich zum Ende des Gespräches eindringlich an die Schülerinnen und Schüler: „Bitte vergessen Sie das nie: Es gibt keine schlechten Völker, es gibt nur schlechte Menschen. Verurteilen Sie kein Volk, beurteilen Sie nur den Menschen. Schauen Sie nicht, ob er Jude oder Christ ist, sondern, was für ein Mensch er ist!“ Rassenhass und Extremismus dürfen sich nie wiederholen, bekräftigte sie.
Marian Majerowicz aus Warschau war im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau, Häftling Nr. 157715. Die Tätowierung ist noch auf seinem Unterarm zu sehen. Bis zum Sommer 1943 war er im Ghetto Zawiercie, ca. 70 Kilometer nordwestlich von Krakau. Nach der Liquidation des Ghettos kam er mit einem Transport ins Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau und traf dort auch seinen Vater wieder, der später in Auschwitz vergast wurde.
Ende Januar 1944 kam Marian Majerowicz ins Nebenlager Guntengrube, etwa 30 Kilometer von Auschwitz entfernt, wo die Häftlinge in der Kohlengrube und am Aufbau eines Nebenlagers arbeiten mussten. Am 18. Januar 1945 wurde das Lager liquidiert, Marian Majerowicz musste mit auf den Todesmarsch. Am 9. Mai 1945 wurde er in Tschechien befreit.
1.062.000 Menschen wurden in Auschwitz-Birkenau umgebracht, erzählt Marian Majerowicz. Er und weitere Häftlinge mussten am Aufbau des Vernichtungslagers, das mit Krematorien ausgestattet wurde, mitarbeiten. Er berichtet vom täglichen Leid im Lager, der Selektion, bei der die SS-Soldaten mit einem Fingerzeig entschieden, wer leben durfte und wer sterben musste, von Hunger, Krankheit und dem Sterben. „Wenn die Menschen in Auschwitz ankamen, wurde auf der Rampe vor dem Tor selektiert. Sie mussten alles dalassen, was sie mitgebracht hatten, Kinder und ältere Menschen wurden noch am selben Tag in den Gaskammern umgebracht“, erzählte er. Während einer Selektion wird auch sein Vater für den Tod bestimmt, er starb am 18. Januar 1945.
Für die Häftlinge, die im Januar 1945 noch leben, beginnt mit dem Todesmarsch die Hölle. Mit dem Vormarsch der russischen Armee werden 1200 Häftlinge in Richtung Westen geschickt. „Es ist schwer zu beschreiben. Es gab nichts zu essen und nichts zu trinken, die Häftlinge wurden erschlagen, erschossen und am Wegesrand in Gräben geworfen. Von 1200 Menschen haben diesen Todesmarsch nur 106 überlebt“, berichtete er.
„Seitdem sind 63 Jahre vergangen und die Welt weiß heute nur wenig davon und erinnert sich wenig daran, was passiert ist. Auschwitz ist das Symbol des Holocaust. Wir dürfen das nicht vergessen, wir müssen das laut sagen, auch für die, für die das Lager heute nur ein Museum darstellt. Wir dürfen nicht vergessen, was hier Menschen anderen Menschen angetan haben. Wir als ehemalige Häftlinge wollen die Erinnerung wachhalten, als Zeugen für die Vernichtung des jüdischen Volkes“, beschreibt Marian Majerowicz sein Engagement im „Zeitzeugenprojekt“.
Joana Dreyer und Dorit Schulze-Gräfte, Schülerinnen der 10. Klassen, waren nach dem Gespräch mit den Zeitzeugen sehr beeindruckt: „Es ist erschütternd, das von den Menschen zu hören, die dies selbst erlebt und selbst erlitten haben. Frau Kretz war noch ein kleines Kind, als sie ganz schreckliche Dinge erleben musste.“
Gert Leitner erlebt dies immer, wenn er mit Zeitzeugen Schulen besucht. „Die Anteilnahme und Aufgeschlossenheit sind groß. Das Erzählte geht den Schülern sehr nahe, davon zeugen auch viele Briefe und Karten, die die Zeitzeugen im Nachhinein erhalten.“
Nach den Gesprächen mit den Schülern der Tännichtschule wurden Henrietta Kretz und Marian Majerowicz von Bürgermeister Prof. Dr. Lothar Ungerer im Alten Rathaus begrüßt und trugen sich in das Goldene Buch der Stadt ein.
„Wir freuen uns sehr, dass Sie hier sind. Das Zeitzeugenprojekt ist für uns ein Höhepunkt in einer Reihe von Veranstaltungen, die im November anlässlich 70 Jahre Reichspogromnacht stattfinden werden“, sagte Prof. Dr. Ungerer in einer kleinen Gesprächsrunde mit den Gästen. Nach 1945 wurde das Schicksal der jüdischen Einwohner von Meerane nicht bearbeitet. „Ich habe in den vergangenen zwei Jahren viel dazu geforscht und recherchiert, denn wir möchten die Erinnerung an die jüdische Bevölkerung unserer Stadt und ihr Schicksal wachhalten“, informierte er weiter. Das soll unter anderem in Form sogenannter „Stolpersteine“ als sichtbarer Ausdruck des Gedenkens erfolgen, ein Projekt, das in verschiedenen Städten bereits realisiert wurde.
Mit einem kurzen Rundgang durch die Ausstellungen im Heimatmuseum beendeten die Gäste ihren Besuch im Alten Rathaus.
Foto: Marian Majerowicz, Henrietta Kretz, Joanna Liskowski, Antje Ungerer (vorn, v.l.n.r.); Bürgermeister Prof. Dr. Lothar Ungerer, die Fachbereichsleiterin Kultur Angelika Albrecht, Museumsmitarbeiter Andreas Kuhn, Marion Kirmse, Rosemarie Lorenz und Gert Leitner (hintere Reihe, v.l.n.r.).
|