Aktuelles (17.03.2009)

 

 

 

 

 

 














Ein gut angewendetes Leben ist lang.
Leonardo da Vinci


Worte zum Tode Günter Drews

Bürgermeister
Professor Dr. Lothar Ungerer

Berlin. Treptow, Eichenstraße, Spreenähe.
Die Berliner wissen, was hier mal war.
Oben zog sich bis Herbst 1989 der Todesstreifen entlang der Berliner Mauer.
Unten, im Militärbunker war bis zuletzt alles bereit, sich im Kalten Krieg als Dauerzustand einzurichten. Alles unter Kontrolle.
So war es. Und so sollte es bleiben, mindestens für hundert Jahre. Soviel Stand-Zeit hatte Honecker bekanntlich Ulbrichts Mauer vorausgesagt.
Es kam anders. Die Mauer fiel ein wie eine morsche Bühnendekoration.

Und: Gemeinsam demonstrierten Textil- und Modeschaffende aus Ost und West im Jahre 1990 ihren freien Willen und die Freiheit ihres Schaffens in Berlin. Mittendrin Herr Günter Drews.
Diese erste Ost-West-Begegnung am Hausvogteiplatz, dem Berliner Herz der Stoff- und Modemacher, ist ein Stück Wendegeschichte. Inmitten der aktuellen Ereignisse des Jahres 1990 erinnerten sie sich gemeinsam an die Berliner Tradition: Am Hausvogteiplatz startete der Textilpionier Valentin Mannheimer im Jahre 1837 die große Berliner Konfektionstradition.
120 Jahre später ebnete der Berliner Stil der 50er Jahre die Wege für die Textilindustrie, für die Stoffmacher. Der eigentliche Stoff, aus dem die (Mode)Träume sind.

In der Begegnung der Gegenwart mit der Vergangenheit entwickelte der Stoffmacher Günter Drews zwei phantastische Visionen.

Vision eins: Ein Design-Wettbewerb der Freiheit, getragen von jungen Designern aus Deutschland Ost und West. Eine Hommage an das ungeteilte Berlin und an die Freiheit.

Mit dem ersten Designer Wettbewerb „Berlin-Berlin“ am 11. März 1990 kam die „Deutsch-deutsche Mode“ auf den Laufsteg, wie die Frankfurter Allgemeine Zeitung titelte. Mit dabei in Berlin der damalige Ministerpräsident Baden-Württembergs, Lothar Späth.

Nun war sie geboren, die Idee eines bezaubernden Wettbewerbes für Mode-Design. Fünf Jahre später wurde die Idee erweitert, ein regelmäßiger Wettbewerb sollte die jungen Designer aus ganz Europa inspirieren.
Faszinierend die Ergebnisse. Herausragend waren die Gala-Orte des Finales: formvollendet 1995 in der Semper-Oper zu Dresden (mit dem sächsischen Ministerpräsidenten Professor Dr. Kurt Biedenkopf), phantasievoll und großartig im Jahre 2000 im Friedrichstadt Palast Berlin und zauberhaft und stilvoll im Jahre 2003 in der Staatsoper zu Berlin, Unter den Linden.
Der Erfolg des Designer-Wettbewerbs war fulminant. Seine Steigerung überwältigend. Seine Mode und seine Stoffe verkörperten die Ästhetik und Vitalität des Lebens.

Entscheidend war jedoch: Wo auch immer das Finale der Wettbewerbe stattfand, es waren die international erfolgreichen Stoff-Kollektionen der Textilproduktionsgesellschaft Drews-Meerane, die von den jungen Designern Europas so einzigartig in Szene gesetzt wurden.

Vision zwei: Die Erweiterung der Drews-Werke im Osten Deutschlands, in Sachsen, in Meerane, einer Textilstadt mit großer Tradition.

Für den Wiederaufbau nach den Verwüstungen des Siebenjährigen Krieges (1763) prägte Sachsen den Begriff des „Rètablissement“. Dahinter verbarg sich etwas Tieferes als die Wiederherstellung eines früheren Zustandes.
Viele der besten Köpfe der Zeit fanden sich zusammen, um vorausschauend wirtschaftliche Entwicklung zu planen. Neue Wirtschaftsformen wurden angeregt, neue Sektoren erschlossen, der Handel zu vorher nicht da gewesener Blüte geführt.

Die gleichen Aufgaben stellten sich 1990, aber in weit größeren geopolitischen Dimensionen. Einerseits gab es 1990 keine Erfahrungsmuster für die Umstellung einer die Substanz verzehrenden Planwirtschaft in eine produktive Marktwirtschaft.

Andererseits gab es keine Unternehmerpersönlichkeiten. Von den über 100 Textilfabrikanten, die Meerane noch 1945 hatte, kehrte keiner (oder deren Nachfolger) nach der Zeitenwende 1989/90 als Unternehmer zurück. Herr Drews allein setzte 1992 die große Textiltradition fort.

In meiner Wahrnehmung vereinte er in recht einzigartiger Weise den Typus des Unternehmers, der den Geist von Freiheit und Verantwortung atmete und sich in herausragender Weise für die Entwicklung einer Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung einsetzte, die diesem Ideal entspricht.

Die Stadt Meerane erlebte ihn als Unternehmer, ganz und gar, geleitet von einem weiten wirtschafts- und sozialpolitischen Horizont: Wahrheitsliebe und Kompetenz, Nüchternheit und unbedingtes Engagement kennzeichneten sein Wirken. Dies traf auch auf seine schwerste unternehmerische Entscheidung zu, die Schließung seiner Textilwerke im Jahre 2007 im Kontext der sich globalisierenden Märkte bei Kleidungsstoffen, die die europäische Textilindustrie in die Defensive brachte.

Europa war immer Schlüsselfaktor der Fortentwicklung des Textilsektors. Während des ganzen 20. Jahrhunderts konnte es seinen Rang als weltweit führende Erzeuger- und Handelsmacht in diesem Sektor behaupten, sowohl was seine lange Tradition in der Herstellung von Stoffen und Kleidern als auch die Modeschöpfung, den treibenden Motor der Innovation, betraf. Seit ungefähr zwanzig Jahren sieht sich diese industrielle Bastion allerdings von einer stetigen Erosion bedroht.
Der Kampf um die Märkte begann zunächst vor allem in der Oberbekleidungsbranche, die massenhaft in die Niedriglohnländer auswich. Unterdessen zeichnet sich jedoch eine noch bedeutsamere Tendenz ab, die den gesamten Sektor, von den Fasern bis zu den gewobenen Produkten, erfasst hat und ihn als Ganzes bedroht. Sämtliche Regelungssysteme des Welthandels – die so genannten Multifaser-Abkommen – wurden schrittweise revidiert. Das Jahr 2005 markierte einen Wendepunkt, der einen völlig liberalisierten Welthandel einleitete.
Unter diesen neuen Bedingungen einer zunehmend multipolaren Weltwirtschaft, die von der rasch voranschreitenden Industrialisierung der Schwellenländer (China, Indien, Pakistan, Brasilien und andere mehr) geprägt ist, ist der Textilsektor einer der besonders heiklen Punkte Europas.

Die unternehmerischen Verluste waren in Meerane zu groß, so dass Herr Drews mit einer kontrollierten Schließung des Unternehmens eine Insolvenz verhinderte. Die Schließung der Drews-Textilwerke in Meerane nach 15jähriger Produktion war sehr schmerzlich. Es folgte ein Interessenausgleich und Sozialplan für die Beschäftigten, der von Herrn Drews bis zum Ende finanziert wurde.

Drews-Stoffe waren ausschließlich für den Bereich der Damenoberbekleidung. Nun scheint Mode kompromisslos und rigoros zu sein. Sie muss funktionieren in unserer Welt. Der globale Wettbewerb ist komplex. Und: Der Stoff muss gut sein, der die Mode macht.
Wir wissen, dass starke Stoffe aus dem Hause Drews kamen, die einen hohen Qualitätsanspruch hatten; technologisch aber auch ethisch.

Eine Schenkung von Herrn Günter Drews an die Stadt Meerane ist die Skulptur des „Dreifachen Pegasus“ des florentinischen Künstlers Enzo Pazzagli

Hier kommt die unternehmerische Verbundenheit von Herrn Drews mit Italien zum Ausdruck. Früh führte ihn der Weg in die Textilindustriestadt Prato bei Florenz, wo er in den 1950er Jahren ein Werk entwickelte.
Es war der Sinn für die schlichte Form des Italian Style der fünfziger Jahre; weltweit ein Synonym für Raffinesse, Modernität, Schlichtheit und zeitlose Schönheit; Taktgeber eines europäischen Lebensgefühls, das Teil der Philosophie des Unternehmens und des Unternehmers Drews wurde. Herr Drews hatte früh gesehen, dass kein anderes Land in den vergangenen Jahrzehnten mit seinem Sinn für Form und Ästhetik, seinen kulinarischen Genüssen und seinen kulturellen Traditionen so viele Spuren im europäischen Befinden hinterlassen hat, wie Italien;
die italienische Lebensart als Impuls europäischen Zeitgeistes zieht sich wie ein roter Faden von der kulinarischen Tradition über die Entwicklung des modernen Industriedesigns bis hin zur Kunst, Kultur und Mode.
Italienische Modedesigner gehören zu den wegweisenden Kräften der globalen Modebranche und in der Textilindustrie spielte das Modeland Italien eine tragende Rolle. Mittendrin waren die Drews-Werke.
Die Erfolgsgleichung hat zwei Faktoren: Creativität und Rentabilität.
Es war die Fähigkeit, das Label „Drews-Stoffe“ ständig ästhetisch und technologisch zu erneuern.
Das erfolgreiche unternehmerische Leben von Günter Drews begann unmittelbar nach Kriegsende in den Jahren 1945/1946. In über 60 Jahren verkörperte er immer wieder das Neue und betonte immer wieder, dass wir den Zugang zum Neuen brauchen, die Entdeckung dessen, was sich noch nicht „durchgesetzt“ hat, wie man sagt.
Dabei stand Herr Drews für das Neue, das trägt und bleiben wird, das wirklich zukunftsweisend ist. Ein schwere Aufgabe, da sich gegenwärtig immer mehr die Frage aufwirft, was das Neue in einer Zeit der Beliebigkeit denn darstellt?
Eine fertige Antwort gibt es darauf nicht. Für Herrn Drews hatte das Neue etwas zu tun
- mit Bedeutungsanspruch inmitten von Beliebigkeit,
- mit Sinn inmitten von Sinnverzicht,
- mit Denken inmitten von Gedankenlosigkeit und
- mit Anstrengung und Stil inmitten von Fun.

Herr Günter Drews hat als herausragende Unternehmerpersönlichkeit mit großem Engagement und Kompetenz zur Weiterentwicklung unserer Stadt beigetragen. Er hat sich um die Stadt Meerane als Unternehmer und Mensch verdient gemacht.

Herr Drews hat vielfältige soziale und kulturelle Projekte in der Stadt Meerane unterstützt. Er trug mit seinen Spenden zu zwei herausragenden städtebaulichen Projekten bei: der Rekonstruktion der Aula des heutigen Europäischen Gymnasiums „Johann Heinrich Pestalozzi“ Meerane und dem Bau der italienischen Freitreppe in Meerane, die den Teichplatz mit dem Kirchplatz verbindet.

Die Stadt Meerane ist Herrn Günter Drews für sein Lebenswerk in höchstem Maße zu Dank verpflichtet.

Foto: Herr Günter Drews, anlässlich der Einweihung
der Italienischen Treppe am Meeraner Teichplatz
am 5. Juni 2004.


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