„Die günstigste Verbindung“
Nobitz im Aufwind: Drei Linien, preisbewusste Kunden und ein verständnisvoller Minister
Von Günter Neumann
Höchst ungewöhnliche Töne mischen sich ins Fauchen der beiden Turbinen. Scotland the brave, The roman tree und Wings schmettern Rainer Scholz und seine 1st Saxon Highlanders aus Zwickau unter dem sternklaren Nachthimmel über das Nobitz er Vorfeld. Die 29 Passagiere, die ein wenig müde kurz nach 22 Uhr aus der ersten Ryanair-Boeing aus Edinburgh steigen, gucken zuerst verblüfft von der Gangway in die Runde, winken dann überrascht zu den vertrauten Klängen von Dudelsäcken und Trommeln und freuen sich schließlich über die kleinen Geschenke, mit denen Flughafen -Mitarbeiterinnen die ersten über Nobitz nach Thüringen eingereisten Gäste aus Schottland begrüßen.
Captain Diyon Moloney ist nicht einmal ob der Begrüßung durch einen leibhaftigen Minister aus der Ruhe zu bringen. „Ich war im Thüringer Wald, noch als es die Mauer gab, mit meiner Freundin“, plaudert der gebürtige Australier mit dem ur-irischen Namen munter drauflos. Auf Deutsch, dank acht Jahren im Schwarzwald. „Gibt's das jeden Tag?“, flachst er angesichts der Altenburger Präsenteboxen für seine Crew. Dann müssen alle zurück an Bord, bye-bye, gleich kommen die Passagiere, und morgen ist man in Liverpool oder Pisa. Ryanair ist eben inzwischen Europas größte Airline.
„Jetzt steht Erfurt hinter uns“
Und seit Dienstag ist die Nummer eins auf dem einstigen Sowjet-Flugplatz mit drei Linien präsent. In einem der wenigen stillen Momente an diesem turbulenten Abend – alle drei Jets nach Gerona, London und Edinburgh sind raus und die Airportstatistik knapp 600 Passagiere besser – steht Flughafenchef Jürgen Grahmann für einen Moment allein in einer Ecke. „Da ist dann blitzschnell alles wieder da aus den letzten zwei Jahren: die Kämpfe, die Niederlagen, die Schienbeintritte, das immer wieder Einstecken und trotzdem wieder Aufstehen“, gesteht er ein. „Und jetzt haben wir die dritte Linie, jetzt steht Erfurt hinter uns.“
Eine Stunde früher war das alles hochoffiziell gesagt worden. Thüringens Verkehrsminister Gerold Wucherpfennig – erstmals kam ein Regierungsmitglied zu einem Linienstart – sprach von dem freudigen Anlass und der guten Entwicklung, die das Kabinett mit Millionen unterstützt und neuerdings sogar mit einem extra Marketingzuschuss. „Der Flugplatz ist Verkehrsinfrastruktur. Das ist Daseinsfürsorge, und die ist nicht zum Nulltarif zu haben.“ Sein Vorgänger hatte den Platz noch sperren lassen, weil ein paar Bäume zu hoch waren.
Und Grahmann hatte sich höflich gefreut über den „weiteren großen Schritt des Flughafens auf dem Weg zum Low-cost Airport für Mitteldeutschland.“ Dass der auch lang und schwer war, verkniff er sich nicht, aber sehr laut sagte er es auch nicht mehr.
Guinness und guter Whisky
Während der kleinen Feier für die Ehrengäste in der Ankunftshalle, die gleich für die ersten Ankömmlinge aus Edinburgh gebraucht wird, tobt hinter der dünnen Wand schon seit Stunden das pralle Flugplatzleben. Freilich mit ein paar Extras für diesen Tag. Die Folklore-Hits der Saxon Highlanders klingen in dem engen Terminal ohrenbetäubend. Dennoch genießen die nach und nach eintreffenden Passagiere die Vorfreude. Einschließlich Guinness- und Kilkenny-Bier, das vom Irish Pub an einem Extra-Tresen angeboten wird, samt einiger guter Whisky-Sorten. Gedacht ist die Offerte allerdings für die Ankömmlinge. „Die sollen gleich sehen, dass es hier auch einen Pub gibt“, erzählt Denis Tille.
Hoffnungen auf Kunden, die möglichst erst einmal keinen Alkohol im Sinn haben, hegen dagegen die Mitarbeiter der Autovermieter-Firmen. Von Anfang an ist Mike Kolbe in seinem Stand gleich gegenüber der Tür zur Eingangshalle dabei – anfangs für nur einen Flug, dann wurden es tageweise zwei und nun sind es dreimal die Woche drei Jets, die ihm Kunden bringen. „Wir hoffen, dass mit den Abendmaschinen mehr Geschäftsreisende kommen“, sagt er. Seine Firma hat die Entwicklung längst erkannt und einen Exklusiv-Vertrag mit der Airline abgeschlossen.
„Wo geht's zum Bus? Das ist immer noch die am meisten gestellte Frage“, wissen Stefanie Hilpert und Katrin Petzold am Stand des Thüsac-Reisecenters. Und sie können guten Gewissens weiterhelfen. Gleich vor dem Terminal wartet nach jedem Flug ein Reisebus des Unternehmens auf die Ankömmlinge, um sie über Altenburg zügig nach Leipzig zu bringen. Thüsac-Chef Dietmar Harbig würde gern noch ein paar mehr fahren lassen. „Das rechnet sich, gut sogar.“
Kleine Weltreise ab Nobitz
Letztlich freilich allein dank der Kunden, für die Billigfliegen längst selbstverständlich ist. Stefanie Kroker beispielsweise startet in Nobitz zu einer kleinen Weltreise. Die Jenaerin hat gerade das Studium geschafft, und der Freund wohnt in Glasgow. Über Edinburgh und Paris geht's in den großen Urlaub nach Havanna. „Das war die günstigste Verbindung, die's gab“, lacht sie und geht zum Einchecken.
DREI FRAGEN AN:
… Thüringens Verkehrsminister Gerold Wucherpfennig (CDU)
Hätten Sie sich jemals vorstellen können, beim Gepäckverladen für Ryanair-Passagiere zuzupacken?
Ich hab' schon so viele Dinge in meinem Leben gemacht, unter anderem in meiner Studienzeit in Form von Jobs, von daher ist Vieles möglich. Und Verkehr zählt schließlich zu meinen Aufgabengebieten.
Wie beurteilt der Fachminister den Dreifach-Auftakt zum Ryanair-Sommerflugplan?
Es ist ein guter Tag für Thüringen. Ich war ja bei der Kontaktaufnahme zu Ryanair bezüglich dieser Fluglinie dabei. Wenn der Leipzig- Altenburg Airport eine Perspektive haben soll, dann braucht er weitere Linien. Und gerade die neue Verbindung nach Edinburgh ist besonders wichtig, weil die Menschen in den nordeuropäischen Ländern ein größeres Interesse an Mitteleuropa haben als in den südeuropäischen Staaten.
Sind jetzt in Erfurt alle Signale für das Projekt auf Grün gestellt?
Ja, schon allein durch unsere Unterstützung für den Ausbau und die Modernisierung des Flughafens. Der Freistaat ist bereit, bis zu fünf Millionen Euro bereitzustellen, um den internationalen Sicherheitsstandards Genüge zu tun. Wir sind auch bereit, den Verkehrslandeplatz Altenburg mit Marketingmitteln zu unterstützen, wenn ein schlüssiges Konzept vorgelegt wird. Wir versprechen uns davon, über Altenburg zusätzliche Touristen nach Thüringen zu holen. Wir wollen jetzt die Effekte des sogenannten Incoming-Tourismus' nutzen. Volkswirtschaftlich kann das durchaus sinnvoll sein.
Interview: Günter Neumann |