Schieferdecker-Ausstellung

 

Ansprache von Bürgermeister Professor Dr. Lothar Ungerer anlässlich der Eröffnung der Galerie ART IN im neuen Meeraner Kunsthaus am 13. Mai 2009 und der darin integrierten Dauerausstellung „Schieferdecker

Meine sehr verehrten Damen und Herren,
mit seinem Gelassenheitsgebet hebt der (US) Theologe, Philosoph und Politologe (1892-1971) Reinhold Niebuhr den Unterschied zwischen „möglich“ und „wünschenswert“ hervor, indem er Gott bat, er möge ihm die Kraft geben zu ändern, was er ändern kann, die Geduld zu ertragen, was sich nicht ändern lässt, und die Weisheit, beides voneinander zu unterscheiden.

Diesem Wort schließe ich mich sehr gerne an. Die Metamorphose des alten Kaufhauses zum neuen Kunsthaus war möglich. Sie ist gelungen. Sie ist deckungsgleich mit einer meiner beruflichen Maxime, die ich mir bei Ernst Bloch ausgeliehen habe: „Man muss ins Gelingen verliebt sein, nicht ins Scheitern.“

Ich sage dies heute mit innerer Freude, da es noch immer leichter ist, etwas zu verhindern als etwas zu tun.

Die Galerie ART IN des Meeraner Kunstvereins ist das Herz des neuen Kunsthauses. Freude und Dank an den Vorstand des Meeraner Kunstvereins, mit Professor Dr. Wolfgang Zscherpel an der Spitze, an die Galerieleiterin Frau Barbara Zückmantel und an alle Mitglieder des Meeraner Kunstvereins für ihre Entscheidung.

Die Galerie ART IN des Meeraner Kunstvereins ist ab sofort eine ständige Heimat ausgewählter Werke von Professor Jürgen Schieferdecker, den ich sehr herzlich begrüße.

Jürgen Schieferdecker, 1937 in Meerane geboren, folgte 1993 einem Professoren-Ruf an die TU Dresden. Mit der Sonderausstellung „Jürgen Schieferdecker – Frühe Gouachen – Neue Grafiken – Objekte“ im Heimatmuseum Meerane im September 2001 verknüpfte Professor Jürgen Schieferdecker eine Schenkung an die Stadt Meerane: 63 Gouachen, 20 Grafiken, 3 plastische Objekte und diverse Skizzen. Dafür danke ich Ihnen heute erneut sehr herzlich. Nun finden ausgewählte Werke dieser umfangreichen Schenkung ihren ständigen Platz hier in der Galerie ART IN im neuen Kunsthaus.

Wie Sie wissen, haben wir uns entschieden, die Fassade des Kunsthauses mit einem Leitgedanken Friedrich Schillers „… die Kunst ist eine Tochter der Freiheit….“ zu gestalten. In meinem heutigen Grußwort zur Eröffnung der Schieferdecker-Dauerausstellung wage ich nun einen kurzen imaginären Dialog in drei Teilen zwischen dem Leitgedanken Friedrich Schillers und Jürgen Schieferdecker.

1. Dialog
Friedrich Schiller formuliert seinen Gedanken 1795 in seinen theoretischen Schriften „Über die ästhetische Erziehung des Menschen“ in einer Reihe von Briefen. In seinem Zweiten Brief stellt er drei erkenntnisleitende Fragen in den Focus:
•  Gibt es den Gebrauch der Freiheit außerhalb der schönen Kunst?
•  Wie vollziehen wir ein Gesetzbuch für die ästhetische Welt?
•  Wie vollenden wir den Bau einer politischen Freiheit?
Er kommt zu der Erkenntnis, dass die Kunst die Wirklichkeit (im Sinne eines kurzlebigen Zeitgeistes) verlassen und kühn die Notwendigkeiten des freien Geistes einfordern muss. Schiller schreibt:
„Die Kunst muss die Wirklichkeit verlassen und sich mit anständiger Kühnheit über das Bedürfnis erheben; denn die Kunst ist eine Tochter der Freiheit, und von der Notwendigkeit der Geister, nicht von der Notdurft der Materie will sie ihre Vorschrift empfangen.“

Wenn nun die Kunst eine Tochter der Freiheit ist, dann gilt dies nach unserem demokratischen Verständnis auch für die Wissenschaft.

Jürgen Schieferdecker ist Künstler und Wissenschaftler. In Anlehnung an einen Gedanken von Maxim Gorki ist „Wissenschaft der Verstand der Welt, die Kunst ihre Seele.“
„Verstand und Seele“ - Jürgen Schieferdecker arbeitet für mich auf dieser Ebene und damit auch auf der Ebene der Schiller‘schen ästhetischen Erziehung des Menschen, dem Ausgleich von Verstand und Gefühl.
Kunst ist für ihn Gedanken- und Gefühlsfreiheit. Seine Kunst will ständig etwas Neues und lässt das Neue auch rasch veralten.

2. Dialog
Schillers Blick richtet sich 1795 auf den „politischen Schauplatz“, auf dem verschiedene Strömungen gegeneinander um die Vorherrschaft kämpften: Aufklärung gegen Restauration, Freiheit gegen absolutistisches Untertanentum, Modernität gegen Altbewährtes.

Für Schiller war die Welt in einer stufenweisen Entwicklung begriffen, deren Sinnbestimmung der Mensch ist. Dieser ist aus Geistigem hervorgegangen. Er erfährt in seinem fortschreitenden Erkennen das Sinnlich-Anschauliche der Welt als Geistiges und vollzieht so seine Selbstwerdung als erkennend freiheitsfähiges Wesen.

Ist plausibel; eine sehr gute Position, würde Jürgen Schieferdecker dazu sagen.

Doch, so Schieferdecker, gibt es dazu auch eine Op-position? Wie erklären wir die negative innere Selbstwerdung vieler Menschen? Sind sie nicht freiheitsfähig? Warum gibt es eine Differenz zwischen Idee und Wirklichkeit?
Schieferdeckers Antworten: Wo Freiheit nicht mit Bindung zusammengedacht und vor allem vollzogen wird, wird sie zur Abstraktion. Einbindung kann Freiheitsgewinn werden, wo sie den einzelnen nicht bindet, sondern hält. Denn für Schieferdecker ist der Mensch nur Mensch, wo er „für sich“ sein kann und „aus sich selbst“ sein kann. Dies aber erfährt er erst in seiner ganzen Fülle in der kulturellen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Einbindung. Davon zeugt Schieferdeckers Wirken.
Dies entspricht dem „Prinzip Verantwortung“, das seine Kraft aus der Hoffnung schöpft, dass überhaupt gelingen kann, was Einsicht gebietet. Auf dieser Basis ruft uns Schieferdecker mit Worten Erich Frieds zu: „Wer will, dass die Welt so bleibt, wie sie ist, will nicht, dass sie bleibt.“
Es ist das Wechselspiel von Position einnehmen und Positionen verändern – sich eben immer wieder neu auf die Welt einlassen – als erkennend freiheitsfähiges Wesen.

3. Dialog
Friedrich Schiller hatte das "Ungeheuer des Staates" in seiner Jugend am eigenen Leib erfahren und das Thema "Verantwortung", das mit Macht und Freiheit immer einherging, gewann für ihn immer mehr an Bedeutung.
Für ihn soll die Kunst den Staatsbürger im Umgang mit Freiheit und Macht lehren.

Und Jürgen Schieferdecker?

Sein Schaffen verkörpert den Grundgedanken Friedrich Hegels: Freiheit ist Einsicht in die Notwendigkeit.
Ich habe diesen Gedanken ausgewählt, weil es dazu einen Aufsatz von Robert Havemann aus dem Jahre 1975 gibt. Havemann - Chemiker, Philosoph, 1910-1982, 1976-1979 Hausarrest, 1989 rehabilitiert – formuliert darin das Leitmotiv des DDR-Staats-Marxismus: „Die Freiheit (des Staates) erfordert Einsicht in die Notwendigkeit der Unfreiheit (des Individuums).“
Er kommt in der Folge zum Ergebnis: „Was jedoch im Sozialismus zur Notwendigkeit geworden ist wie nie zuvor, ist Freiheit.“
In diesem Sinne verwirklicht sich für den Künstler Schieferdecker Freiheit zweifach:
Wovon bin ich frei?
Und: Wozu bin ich frei?
Davon erzählen vor allem seine Objekte und Grafiken.
1993 formuliert Harald Kretzschmar über Schieferdecker: „Er hat weitergemacht – nicht so, als ob nichts passiert wäre, sondern gerade so, weil es passiert ist. Der Untergang der DDR, ein auch von ihm nicht vorhersehbares Ereignis, war eine Konsequenz von Erscheinungen, die Jürgen Schieferdecker bereits in den siebziger und achtziger Jahren zum Gegenstand seiner Kunst gemacht hatte: Autoritäre Inkompetenz und Umweltruin, blinde Ignoranz und Endzeitstimmung.“ Ich füge hinzu: Unfreiheit eben.

Ein Gedanke, meine sehr verehrten Damen und Herren, ist mir abschließend bedeutsam.
Unsere Bezeichnung Kunsthaus.
Sollten wir als Stadt nun wissen, was Kunst ist und was nicht?
Gleiches gilt für den Staat, der ja bekanntlich in Artikel 5, Absatz 3 des Grundgesetzes die Kunstfreiheit garantiert und schützt.
Das Bundesverfassungsgericht, das zum Glück vor nichts zurückschreckt, hat vor geraumer Zeit den Begriff der Kunst definiert.
„Das Wesentliche sei die freie schöpferische Gestaltung, in der Eindrücke, Erfahrungen und Erlebnisse des Künstlers durch das Medium einer bestimmten Formensprache zur unmittelbaren Anschauung gebracht werden.“

Es ist die Regel, dass Begriffe, in denen komplexe Sachverhalte zusammengefasst sind, nicht so präzise formuliert werden können wie der Tatbestand des Diebstahls im Strafgesetzbuch. Über Freiheit und Kunst lässt sich tagelang philosophieren, ohne zu einem abschließenden Ergebnis zu kommen.

Wer nun aber über Kunst urteilen will, braucht zunächst einmal Kenntnisse, unabhängig davon, ob Kunst von Können kommt oder nicht. Diese Kenntnisse erwirbt man nicht mühelos, nicht ohne Arbeit an sich selbst. Aber wer sie einmal hat und die Bereitschaft dazuzulernen nicht verliert, dem öffnen sich Erlebnisräume, die seinem Dasein Form und Inhalt geben können.

Diesen Kenntnissen, diesen Erlebnisräumen ist der Meeraner Kunstverein im ästhetischen Erziehungssinne Friedrich Schillers verpflichtet. Vielen Dank. Seien Sie sich der Unterstützung der Stadt Meerane jederzeit gewiss.

Künstler schaffen diese Erlebnisräume – wie Jürgen Schieferdecker.
Meerane ist die Heimat Jürgen Schieferdeckers.
Die Stadt ist stolz.
Wir danken Jürgen Schieferdecker für seine Schenkung.

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