„Gesicht zur Wand! – 15 Jahre politische Haft in SBZ und DDR“
Dokumentarfilm berichtet über Schicksal von Melanie Kollatzsch
„Gesicht zur Wand“ – diese Worte hörte Melanie Kollatzsch viele Jahre lang. Immer, bevor Wärter die Zelle betraten, kam zuerst dieser Befehl.
„Gesicht zur Wand! 15 Jahre politische Haft in SBZ und DDR“ ist der Titel des Dokumentarfilms, der über das Leben und das Leiden der heute 81-Jährigen berichtet.
Am 26. März 2009 wurde der Dokumentarfilm in einer Veranstaltung der BStU-Außenstelle Chemnitz (Bundesbeauftragte für die Stasiunterlagen) und der Stadt Meerane in der Meeraner Stadtbibliothek gezeigt, gleichzeitig die erste Veranstaltung im Rahmen der Veranstaltungsreihe „20 Jahre friedliche Revolution in Meerane“.
Melanie Kollatsch, eine zierliche ältere Dame, war gemeinsam mit Dr. Sascha Möbius, Leiter der Gedenkstätte Moritzplatz Magdeburg der Stiftung Gedenkstätten Sachsen-Anhalt, nach Meerane gekommen, ebenso Dr. Martin Böttger, Leiter der BStU-Außenstelle Chemnitz.
1947 lebt Melanie Kollatzsch, damals 19 Jahre alt, in Iserlohn, arbeitet bei den Allierten, es geht ihr gut. Verlobt ist sie mit einem britischen Offizier. Bei einem Besuch bei ihren Eltern in der sowjetischen Besatzungszone wird sie verhaftet, als sie ihren Besuch im Rathaus der alten Heimatstadt auf Wunsch der Eltern anmelden will.
Wegen angeblicher Spionage für den britischen Geheimdienst, Boykotthetze und Kriegstreiberei wird sie nach neun Monaten Untersuchungshaft zu 25 Jahren Zwangsarbeit verurteilt, das Urteil später von einem DDR-Gericht in 15 Jahre Zuchthaus umgewandelt. Melanie Kollatzsch war unschuldig, 1992 wird sie von der russischen Militärstaatsanwaltschaft rehabilitiert.
Der Dokumentarfilm des Filmteams „blende39“ begleitet Melanie Kollatzsch zu fünf von insgesamt elf Stationen ihrer Haft – Halle, Sachsenhausen, Potsdam, Waldheim und Halberstadt. In einem Gerichtsraum im Gefängnis „Roter Ochse“ in Halle – heute eine Gedenkstätte - wird sie verurteilt. „Dort ging meine Jugend zu Ende“, sagt sie im Film. Die Erinnerungen daran sind furchtbar: das ständige Alleinsein, die nächtlichen Verhöre, Folterzelle, Wasserzelle. „Da hab ich dann unterschrieben: Ja, ich bin ein Spion.“
Sie kommt zuerst nach Sachsenhausen. Viele junge Leute sind dort inhaftiert, hausen in großen Baracken. Doch sagt sie, das war die „beste Zeit“ der Haft. Sie hat Kontakt zu anderen Gefangenen, man tröstet sich gegenseitig. „Dort habe ich noch nicht gewusst, was auf mich zukommt“, sagt sie. Und noch gibt es die trügerische Hoffnung auf eine baldige Haftentlassung.
1950 kommt sie nach Potsdam ins KGB-Gefängnis. „Hier in dieser Zelle bin ich das erste Mal gestorben. Nur Gebrüll und Geschrei und furchtbare Angst, es war eine schreckliche Zeit“, sagt sie im Film.
Die früheren Haftstationen sehen heute ganz anders aus als in den Erinnerungen von Melanie Kollatzsch. Im Film berichtet sie von ihrem Alltag dort, oft wird sie von den furchtbaren Erinnerungen, die wieder lebendig werden, übermannt: Angst, Hunger, das Alleinsein in der Einzelhaft, drastische Strafen bei kleinsten Vergehen. Erst nach neun Jahren Haft kann sie ihre Mutter zum ersten Mal wiedersehen.
„Ich weiß nicht, wie ich ausgesehen habe als junge Frau mit 20 Jahren, mit 25, mit 30. Es gab keinen Spiegel, keine Ahnung“, sagt sie. Auch solche Sätze machen betroffen. „Und immer fragte man sich, warum? Warum ist der Mensch so böse und sadistisch, freut sich am Leid anderer?“, sagt Melanie Kollatzsch.
Am 5. Oktober 1962 – mit 34 Jahren – wird sie entlassen, „nach 15 Jahren, 5 Monaten und 11 Tagen.“
Zu Ende war ihre Leidenszeit damit nicht. Ein Jahr zuvor hatte die DDR die Grenzen geschlossen, die Hoffnung, in die BRD ausreisen zu können, damit zunichte gemacht. Die Inhaftierten mussten unterschreiben, niemals über die Haftzeit zu sprechen. Aus Angst vor erneuter Haft hielten sich alle daran, die Staatssicherheit überwachte die früheren Gefangenen, erzählt sie in der anschließenden Diskussion mit dem Publikum. Hier meldete sich auch eine Meeranerin zu Wort, die Ähnliches erleben musste.
Erst nach der Wende 1989 kann Melanie Kollatzsch über alles sprechen, nimmt Kontakt mit anderen früheren Häftlingen auf. Mit vielen steht sie heute in enger Verbindung. Es geht ihr heute gut, sagt sie, aber immer fehlt eine Familie, die sie sich nach der langen Haftzeit und dem Erlebten nicht aufbauen konnte.
Ihr größtes Anliegen ist es heute, über das Unrecht zu berichten. „So lange ich Luftholen kann, werde ich den Menschen die Wahrheit erzählen. Ich werde aufpassen, dass wir nie wieder eine Diktatur erleben, versuche die Jugend aufzuklären, versuche, die Menschen wachzurütteln“, sagt sie eindringlich. Sie höre häufig die Meinung: „Es war doch gar nicht so schlimm“, sagt sie.
Die heute umgreifende Verharmlosung der DDR greift auch Sascha Möbius auf. „In vielen Filmen und Dokumentationen sieht man Trabi-Schlangen oder Mauerspechte und die DDR bekommt einen leicht lustigen Einschlag. Aber es war nicht lustig und auch nicht friedlich“, betont er.
Am 1. April 2009 erhielt Melanie Kollatzsch von der Justizministerin von Sachsen-Anhalt Angela Kolb die Ehrennadel des Landes Sachsen-Anhalt überreicht. Gewürdigt wird damit das ehrenamtliche Engagement der 81-Jährigen für die Aufarbeitung der Verbrechen in russischen Speziallagern und ihr Engagement als Zeitzeuge in Gesprächen mit Jugendlichen und Erwachsenen.
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