3. Oktober 2009 – Tag der Deutschen Einheit
Gedanken zum Nationalfeiertag von Bürgermeister Professor Dr. Lothar Ungerer
Als Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher vor 20 Jahren am 30. September 1989 in der Prager Botschaft den DDR-Flüchtlingen die Ausreise verkündete, ging sein erster Satz im Jubel unter. Auf dem Botschaftsbalkon sprach er die legendären Worte:
„Liebe Landsleute, wird sind heute zu Ihnen gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass heute Ihre Ausreise …“ – in diesem Moment wurde er von einem tausendfachen Aufschrei und Jubel unterbrochen – „…in die Bundesrepublik möglich geworden ist.“
Als Günter Schabowski auf einer Pressekonferenz am 9. November 1989 um 18:57 Uhr nach einer Frage zur neuen Ausreiseregelung einen Beschluss des Ministerrates verliest, löst diese sensationelle Meldung eine Kettenreaktion aus. Sie erinnern sich?
„Allerdings ist heute, soviel ich weiß, eine …… (Pause) Entscheidung getroffen worden. Wir haben uns, äh, dazu entschlossen, heute, äh, eine Regelung zu treffen, die es jedem Bürger der DDR möglich macht, äh, über Grenzübergangspunkte der DDR, äh, auszureisen.“
Stimmengewirr, Zurufe, Fragen: „Ab sofort? Nur mit Pass?“
„Also, Genossen, es ist mir so mitgeteilt worden, dass eine solche Mitteilung heute schon, äh, verbreitet worden ist.“
Schabowski kramt in Papieren.
„Äh, ständige Ausreisen können über alle Grenzübergangsstellen der DDR zur BRD erfolgen.“
Stimmengewirr, Fragen: „Und wann? Wann tritt das in Kraft?“
„Das tritt nach meiner Kenntnis ……, ist das sofort. Unverzüglich.“
Um 23:14 Uhr öffneten sich in Berlin die Schlagbäume, zunächst am Übergang Bornholmer Straße. Nach 28 Jahren war damit die Mauer faktisch gefallen.
Das „Unverzüglich“ war keine Illusion. Die DDR implodierte. Die Menschen überschritten urplötzlich Raum und Zeit. Der Freiheit konnte das Bezugssystem DDR keine Gegenposition mehr aufbringen.
Eine Zeitenwende ohne historisches Beispiel.
Als am 23. August 1990 die DDR-Volkskammer den Beitritt der DDR zum Geltungsbereich des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland mit Wirkung vom 3. Oktober 1990 beschloss, war die staatliche Einheit vollzogen.
Die Volkskammer ging davon aus, dass bis dahin der „Zwei-plus-Vier-Vertrag“ abgeschlossen sei. Er wurde am 12. September 1990 von den zwei deutschen Staaten und den vier Siegermächten des Zweiten Weltkrieges in Moskau von den Staatenvertretern Genscher (BRD), de Maizière (DDR), Baker (USA), Schewardnadse (Sowjetuniuon), Hurd (Großbritannien) und Dumas (Frankreich) unterzeichnet.
Der „Zwei-plus-Vier-Vertrag“ (Vertrag über die abschließende Regelung in bezug auf Deutschland) hat den Stellenwert eines Ersatz-Friedensvertrages zum Ende des Zweiten Weltkrieges. In ihm beendigten die vier Siegermächte nach 45 Jahren ihre Verantwortlichkeiten auf Berlin und Deutschland als Ganzes. Das vereinte Deutschland bekam seine volle Souveränität.
Da der Vertrag erst später in Kraft trat (15. März 1991), erklärten die vier Siegermächte am 1. Oktober 1990 in New York, dass sie ihre alliierten Vorbehaltsrechte und Verantwortlichkeiten bereits mit dem 3. Oktober 1990 aussetzen und damit Deutschland vorab die volle Souveränität zubilligen.
Damit wurde der 3.Oktober zum Tag der Deutschen Einheit.
Für uns Deutsche begann mit den Ereignissen im Sommer/Herbst 1989 eine Reise nach innen und außen. Wir versuchten den brüchigen Zeitlauf zu verstehen und fanden die Lösung in der Gemeinsamkeit, dem vereinten Deutschland, eingebettet in die Welt.
„Es wird nach einem happy end im Film gewöhnlich abgeblendet.“ Bezogen auf Liebesfilme hatte Kurt Tucholsky mit diesem Anfang seines Gedichtes „Danach“ sicherlich recht. Nach dem ersten Tag der Deutschen Einheit im Jahre 1990 und dem deutschen happy end ging die Geschichte jedoch weiter. Die deutsche Revolution im Herbst 1989 hat nicht nur die Mauer weggefegt und die Einheit Deutschlands ermöglicht. Deutschland hörte auf, an der Frontlinie des Kalten Krieges ein waffenstarrendes Gebiet zu sein. Die ehemals sowjetischen Streitkräfte zogen ganz ab, die amerikanischen, britischen und französischen zu erheblichen Teilen.
Kurzum: Der Alptraum militärischer Konfrontation in Europa ist gewichen. Die Vereinigung der beiden Teile Deutschlands vor 19 Jahren hat ein größeres Europa möglich gemacht. Sie ist der große politische Erfolg der Deutschen im 20. Jahrhundert.
Auch dafür steht der 3. Oktober als deutscher Nationalfeiertag.
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