Aktuelles (16.11.2009)

 

Volkstrauertag 2009 - Gedenken an die Opfer von Krieg und Gewalt

Feierstunden auf dem Meeraner Friedhof und dem Friedhof Seiferitz

Anlässlich des Volkstrauertages am 15. November 2009 fanden in Meerane Gedenkfeiern auf dem Meeraner Friedhof und dem Friedhof Seiferitz statt. Bürgermeister Professor Dr. Lothar Ungerer und Pfarrer Dr. Martin Teubner begrüßten dazu Vertreter der Reservistenkameradschaft Pleißental vom Verband der Deutschen Reservisten der Deutschen Bundeswehr e.V. und rund 60 Gäste, darunter zahlreiche Stadträte.

„Den Lebenden zur Mahnung“, „Nie wieder Nationalsozialismus“ ist auf dem Gedenkstein für die Opfer des II. Weltkrieges zu lesen. Die Stadt Meerane und die Reservistenkameradschaft Pleißental legten an dem neugestalteten Ehrenmal Kränze zum Gedenken ab.

Bürgermeister Professor Dr. Lothar Ungerer gedachte in seiner Ansprache der Opfer von Krieg und Gewalt aller Völker. Er erinnerte an die Opfer des II. Weltkrieges, an die gefallenen Soldaten, Kriegsbeschädigten, Kriegswitwen und Kriegswaisen aus der Stadt Meerane, die Vertreibung und Ermordung der Mitglieder der jüdischen Gemeinde in Meerane, aber auch an die Opfer der Kriege und Bürgerkriege unserer Tage, an die Opfer von Terrorismus und politischer Verfolgung und an die Bundeswehrsoldaten und anderen Einsatzkräfte, die im Auslandseinsatz ihr Leben verloren. (Lesen Sie dazu die Ansprache des Bürgermeisters.)

Der Volkstrauertag ist ein Gedenktag gegen das Vergessen und Verdrängen, gegen Gleichgültigkeit und Desinteresse, sagte Pfarrer Dr. Martin Teubner.
Der Gedenktag ist wichtig für die Familien, die Angehörige verloren haben, aber auch für alle, die keine eigenen Erfahrungen mit Krieg, Terror und Gewalt haben, als ein Tag des Mitfühlens und Einfühlens. „Der Blick zurück ist Mahnung für die Gegenwart und Aufgabe für die Zukunft!“, betonte er. „Wir dürfen nicht ablassen, uns für Frieden, Menschlichkeit und Gerechtigkeit einzusetzen.“

Kranzniederlegung am Ehrenmal für die Opfer des II. Weltkrieges Rund 60 Gäste nahmen an der Gedenkfeier auf dem Friedhof teil
Michael Wolf, Christian Ligotzky, Tino Werler und Uwe Schwarzenberger von der Reservistenkameradschaft Pleißental. Der Posaunenchor der evangelischen Kirchgemeinde St. Martin umrahmte die Gedenkfeier auf dem Meeraner Friedhof.



Ansprache des Bürgermeisters Professor Dr. Lothar Ungerer zum Volkstrauertag 2009

Sehr geehrte Damen und Herren!

Das Jahr 2009 spiegelt mit einer Vielzahl wichtiger Gedenktage die Errungenschaften wie die Brüche der wechselvollen Geschichte Deutschlands im 20. Jahrhundert.

Wir feiern den 20. Jahrestages der Maueröffnung, wir begehen den 60. Geburtstag des Grundgesetzes, wir denken zurück an die Verabschiedung der Weimarer Verfassung vor 90 Jahren und wir erinnern an den Angriffskrieg des nationalsozialistischen Deutschlands gegen Polen vor siebzig Jahren und damit an den Beginn des Zweiten Weltkrieges, mit dem Deutschland sich selbst und ganz Europa ins Elend stürzte.

Der Volkstrauertag in Deutschland ist ein Tag des Erinnerns, des Gedenkens und der Mahnung zum Frieden.

Wir trauern heute um die Männer, Frauen und Kinder, die ihre Lebensträume und ihr Lebensglück durch Krieg und Gewaltherrschaft verloren.

Der Lyriker Rainer Brambach (1917–1983) bringt den Verlust in seinem Gedicht „Paul“ wie folgt zum Ausdruck:

Paul

Neunzehnhundertsiebzehn
an einem Tag unter Null geboren,

rannte er wild über den Kinderspielplatz,
fiel, und rannte weiter,

den Ball werfend über den Schulhof,
fiel, und rannte weiter,

das Gewehr im Arm über das Übungsgelände,
fiel, und rannte weiter

an einem Tag unter Null
in ein russisches Sperrfeuer

und fiel.

Wir denken heute an die Opfer von Gewalt und Krieg,
an Kinder, Frauen und Männer aller Völker.

Blicken wird in das Jahr 1939. Im sechsten Jahr nach der brutalen Umformung der Weimarer Demokratie (von 1919) in die nationalsozialistische Diktatur, in den Staat Hitlers, zerstörte Hitler-Deutschland den Frieden; zwanzig Jahre nach Abschluss des Ersten Weltkrieges.

Am 31. August 1939 verschaffte sich Hitler ein unglaubwürdiges Alibi zum Angriff auf Polen. Die SS überfiel – inszeniert als „polnische Freischärler“ – den Sender Gleiwitz. Am 1. September 1939 begann der völkerrechtswidrige Angriff der Deutschen Wehrmacht auf Polen. Warschau kapitulierte am 27. September, dem dritten Tag des von Hitler befohlenen Bombardements. Hitler setzte im Oktober 1939 den NSDAP-Funktionär Hans Frank als Generalgouverneur ein. Er verantwortete eine brutale deutsche Besatzungspolitik, die darauf abzielte durch Vernichtung der polnischen Intelligenz das polnische Volk führerlos zu machen. Ihm zur Seite stand der von Hitler zum „Reichskommissar für die Festigung deutschen Volkstums“ ernannte Reichsführer SS Heinrich Himmler, der mit rücksichtslosen Terrormaßnahmen Ausrottungspolitik betrieb und eine Germanisierung Osteuropas anstrebte. In der Zeit der deutschen Besatzung sind mehr als 6 Millionen Polen, darunter 3 Millionen polnische Juden ums Leben gekommen.

In den Meeraner Heimatstimmen ist über das Meerane in den Herbsttagen des Jahres 1939 zu lesen:

„Das letzte Drittel des Jahres 1939 stand naturgemäß auch in Meerane im Zeichen des unserem Volke aufgezwungenen Kampfes. (….) Söhne unserer Stadt befinden sich auch unter den heldenhaften Kämpfern, die auf dem Felde der Ehre geblieben sind.“

„Auf dem Felde der Ehre.“ Die Nationalsozialisten beschworen ein Soldatenbild der kollektiven Opferbereitschaft (für Hitler und Hitler-Deutschland). In dieser „kollektiven Opferbereitschaft“ war der Soldat gefangen. Oft tödlich gefangen.

Beispiel Stalingrad. Hitler lehnte 1942 einen Rückzug der deutschen 6. Armee ab. Am 2. Februar 1943 war die 6. Armee am Ende: 146.000 Soldaten waren gefallen; 90.000 erschöpfte, kranke und verwundete Männer gingen in die Gefangenschaft, nur etwa 6.000 Männer haben überlebt und sind nach Jahren in die Heimat zurückgekehrt.

Ein zweites Beispiel. Am 18. Februar 1942 forderte Joseph Goebbels im Berliner Sportpalast vom deutschen Volk die Opferbereitschaft und die Treue zum „Führer“ ein. Das (tödliche) Bekenntnis zur unbedingten Gefolgschaftstreue gipfelte in einem tausendfachen „Ja“ zum „totalen Krieg“.

Solche Bekenntnisse zur Gefolgschaftstreue sind auch für Meerane belegt:

„Am 9. November 1940 fand eine Weihestunde im Saale von Härtels Hotel statt, in der der NSDAP Hoheitsträger Erichsen* eine Gefallenenehrung zelebrierte mit abschließender Führerehrung, dem Gelöbnis unwandelbarer Treue zu Hitler.“ (Heimatstimmen Januar 1941)

(*Erich Erichsen, NSDAP-Chef eines Meeraner Stadtbezirks, eignete sich die Chemische Fabrik der Meeraner Unternehmerfamilie Wertheim ab 1939 an, nachdem Wertheims Opfer der jüdischen Pogromen der Nationalsozialisten wurden. Er floh 1945 aus der Stadt; seine weitere Entwicklung ist unbekannt.)

Dennoch: Bei den Männern und Frauen des deutschen Widerstands waren seit 1938 mannigfache Überlegungen angestellt worden, wie man Hitler in den Weg treten könne, um die vorhersehbare Katastrophe, in die seine Politik das deutsche Volk führen musste, noch abzuwehren. Der militärische Widerstand scheiterte endgültig am 20. Juli 1944, als das Hitler-Attentat, ausgeführt von Oberst Claus Schenk Graf von Stauffenberg, misslang. Stauffenberg und drei weitere Offiziere wurden noch in der Nacht des 20. Juli im Hof der Berliner Bendlerstraße erschossen. Über 7.000 Personen wurden verhaftet; bis zum Kriegsende wurden Tausende hingerichtet.

Im heutigen Ehrenhof, in dem Claus Schenk Graf von Stauffenberg seinen Tod fand, ist zu lesen:

Ihr trugt die Schande nicht, Ihr wehrtet Euch.

Die Werte des deutschen Grundgesetzes sind auch ihr Vermächtnis: Freiheit und Menschenwürde. Sie sind unvereinbar mit jeglicher „kollektiven Opferbereitschaft“.
Das Gedenken an die toten Soldaten und ihre Opfer sind für uns auch Mahnung, aus der Vergangenheit Schlüsse für die Gegenwart zu ziehen und danach zu handeln.

Wir gedenken der Soldaten,
die in den Weltkriegen starben,
der Menschen, die durch Kriegshandlungen oder danach in Gefangenschaft, als Vertriebene und Flüchtlinge ihr Leben verloren.

Blicken wir in das Jahr 1949. Frauen und Kinder unserer Stadt trauerten um ihre verlorenen Männer, Väter und Söhne.
In einer – bis heute vorläufigen – Zahlenermittlung aus dem Jahre 1946 hat die nationalsozialistische Gewaltherrschaft tief in das Leben der Meeraner eingeschnitten:

840 gefallene Soldaten
565 Kriegsbeschädigte
607 Kriegswitwen
426 Kinder verloren ihre Eltern
23 Menschen starben bei einem Luftangriff

In unserer Stadt starben eine unbekannte Anzahl inhaftierter Kriegsgefangener. Diejenigen, die mit dem Kriegsende die Gewaltherrschaft überlebten, kehrten von Meerane aus in ihre Heimatländer nach Frankreich und Italien, nach Serbien und in die Sowjetunion zurück.

Der nationale Wahnsinn führte zu Vertreibung; insgesamt wurden 14 Millionen Menschen aus Deutschland zu Flüchtlingen, auf der Suche nach einer neuen Heimat, die auch in Meerane gefunden wurde.

Blicken wird in die Jahre 1918/1919. Bis zum 25. September 1918 waren etwa 4.500 Männer aus Meerane in den 1. Weltkrieg gezogen (knapp 20% der damaligen Stadtbevölkerung). Über 1000 Meeraner Männer kehrten nicht zurück. Sie starben auf den Schlachtfeldern Europas. Ihre Namen sind in den Gedenkstätten unserer Stadt zu lesen. Viele von ihnen sind in Frankreich, in Verdun, im Kriegsjahr 1916 gefallen.

Wir gedenken heute auch der Meeraner Männer, die ihre Gefangenschaft nicht überlebten und vor allem in den unmenschlichen Lagern der stalinistischen Sowjetunion den Tod fanden.

Wir gedenken derer,
die verfolgt und getötet wurden, weil sie einem anderen Volk angehörten,
einer anderen Rasse zugerechnet wurden oder deren Leben wegen einer Krankheit oder Behinderung als lebensunwert bezeichnet wurde.

Die kleine jüdische Gemeinde Meeranes hat nicht überlebt; ihre Spuren verlieren sich in den deutschen Konzentrationslagern Auschwitz oder Theresienstadt; ich erinnere an das Schicksal der Familien Born oder Wertheim.

Im Januar 1941 ist in den Meeraner Heimatstimmen über Meerane im Jahre 1940 zu lesen:

„Zu Beginn des neuen Jahres, am 7. Januar, hatte der Meeraner Hoheitsträger die Parteigenossen und die gesamte Einwohnerschaft zu einer Kundgebung auf den Marktplatz aufgerufen (…) Ein besonderes Ereignis in der Geschichte der Stadt Meerane stand im Mittelpunkte dieser kurzen, aber eindrucksvollen Kundgebung: die Mitteilung des Ortsgruppenleiters, Parteigenossen Koch, dass unsere Stadt seit dem 3. Januar 1940 frei von Juden sei. Diese Feststellung wurde von den Versammelten mit größter Begeisterung aufgenommen.“

Wir gedenken derer,
die ums Leben kamen, weil sie Widerstand gegen Gewaltherrschaft geleistet haben, und derer,
die den Tod fanden, weil sie an ihrer Überzeugung oder an ihrem Glauben festhielten.

Wir gedenken heute der Meeraner Männer und Frauen des politischen und geistigen Widerstands. Ich erinnere an die Hinrichtung des Meeraner Schriftstellers Erich Knauf am 2. Mai 1944.

Wir trauern heute aber auch um die Opfer der Kriege und Bürgerkriege unserer Tage, um die Opfer von Terrorismus und politischer Verfolgung,
um die Bundeswehrsoldaten und anderen Einsatzkräfte, die im Auslandseinsatz ihr Leben verloren.

Seit 1945 wurden erneut Hunderte von Kriegen überall auf der Welt geführt. Wieder wurden Millionen von Menschen Opfer - Opfer von Krieg, Verfolgung, Vertreibung, fanatischem Terror. Und nach wie vor ist Gewalt weltweit verbreitet, um andere - einzelne Menschen, Gruppen oder Staaten - zu unterdrücken, ihnen im Namen von Nation, Volk, Rasse, Religion oder Ideologie den eigenen Willen aufzuzwingen.

Wann immer und wo immer Deutschland heute helfen kann, Blutvergießen zu beenden und Not zu lindern,
wenn Deutschland einen Beitrag leisten kann, Versöhnungsprozesse voranzutreiben,
wenn Deutschland helfen kann, Menschen vor Gewalt und Terror zu schützen, dann müssen wir es tun.
Wir dürfen nicht wegschauen, als ginge uns das nichts an. Das ist zuallererst ein Gebot der Menschlichkeit. Es ist aber auch ein Gebot vorausschauender Vernunft.

Deshalb ist es richtig und wichtig, dass deutsche Soldaten an Friedensmissionen in der Welt beteiligt sind. Deutschland stellt sich damit der Verantwortung, die die internationale Staatengemeinschaft von unserem Land erwartet. Denn nicht beiseite zu stehen, sondern Verantwortung zu übernehmen, ist eine der Lehren unserer eigenen Geschichte.

Aus der noch nationalstaatlich geprägten Gründerzeit des Jahres 1949 unseres Staates (damals unserer beider Staaten) ist eine globalisierte, in sich vernetzte und hoch komplizierte Welt geworden.
Die Verantwortung für das Gemeinwohl besteht nicht mehr in Wahrung eigener nationaler Interessen, sondern kann nur im Blick auf die ganze Welt richtig wahrgenommen werden. Das fordert die helfende Tat.

Für die deutschen Soldatinnen und Soldaten sind es verantwortungsvolle und gefährliche Einsätze, bei denen sie immer wieder in Situationen kommen, in den sie ihre Gesundheit und ihr Leben einsetzen.
Die Bundeswehr im Einsatz ist heute eine vom Parlament, von den von uns allen gewählten Frauen und Männern, in den Einsatz geschickte Armee. Die Soldatinnen und Soldaten verrichten ihren Dienst im Auftrag unseres Volkes, im Dienst für Frieden, Recht und Freiheit.

Gedenken, Trauer und Erinnerung hat dadurch eine veränderte Tradition.
Im Focus stehen heute Frauen und Männer, die im Einsatz für Frieden, Recht und Freiheit ihr Leben eingesetzt und verloren haben. Der Toten zu gedenken ist eine Respektbekundung des demokratischen Staates für die, die sich als Staatsbürger in Uniform für Menschenwürde und Menschenrechte einsetzen.

Die Werte des deutschen Grundgesetzes sind auch ihr Vermächtnis: Freiheit und Menschenwürde.
Artikel 1: Die Menschenwürde ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

 

Gedenkfeier auf dem Seiferitzer Friedhof / Einweihung neuer Namensschilder

Nach der Gedenkfeier auf dem Meeraner Friedhof trafen sich viele der Teilnehmer nochmals auf dem Friedhof in Seiferitz. Hier sind unter einer Trauerweide Namensschilder mit den Namen gefallener Soldaten aus Seiferitz und dem Seiferitzer Anteil, die nach dem 2. Weltkrieg als Form der Trauerarbeit von den Familien angebracht wurden.

Die ursprünglichen Namensschilder wurden jetzt durch die Stadt Meerane erneuert, Bürgermeister Professor Dr. Ungerer und die Reservistenkameradschaft Pleißental legten hier ebenfalls Gebinde ab.
Bürgermeister Professor Dr. Ungerer verlas die Namen und das Geburts- und Todesdatum der Gefallenen. „Wir erinnern an das Schicksal der Soldaten aus Seiferitz und dem Seiferitzer Anteil, darunter sehr viele junge Männer von 19 oder 20 Jahren“, sagte er.
 

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