Zum Tode von Frau Christine Charlotte Bachmann, geb. Moeschler
Nachruf der Stadt Meerane von Bürgermeister Professor Dr. Lothar Ungerer
Am 22.02.2010 verstarb Frau Christine Charlotte Bachmann, geb. Moeschler im Alter von 89 Jahren.
Frau Christine Charlotte Bachmann wurde am 22.09.1921 in Meerane als Tochter des Maschinenfabrikanten Herrn Hermann Moeschler und seiner Frau Charlotte Moeschler, geb. Knaul geboren. Die Familie war wohnhaft am Merzenberg 36.
Mit dem Namen Moeschler verbindet sich in Meerane eine angesehene und erfolgreiche Unternehmerfamilie. 1891 gründeten James Stevenson und Oskar Moeschler (1855-1930) die Firma James Stevenson & Co. mit Sitz am Merzenberg 36. Mit dem Jahr 1902 wurde die Firma durch Herrn Oskar Moeschler allein weitergeführt. Bis zu ihrer Enteignung firmierte das Unternehmen als Firma Oskar Moeschler, Maschinen- und Webstuhlfabrik Meerane. 1919 übernahm Christine Bachmanns Vater, Herman Moeschler (1883-1935) die Firma und erweiterte sie als Kommanditgesellschaft. Nach seinem plötzlichen Tod am 11. Januar 1935 trat an die Unternehmensspitze seine Ehefrau und Christine Bachmanns Mutter, Frau Charlotte Moeschler, geb. Knaul.
Seit Beginn produzierte das Unternehmen so genannte leichte englische Webstühle, später auch Pic -à -Pic-Webstühle. Weltruf erarbeitete sich das Unternehmen durch die Fabrikation von Kokoswebstühlen und anderen Spezialwebstühlen. Die Firma stellte vollständige Anlagen für Kokoswebereien und für Schlauch-, Treibriemen- und Transportgurt-Webereien her. In den 1910er Jahren wurde eine umfangreiche Zahnradfräserei angegliedert. Exportregionen waren neben Deutschland und Europa, Nord- und Mittelamerika, Japan und der Nahe Osten. Das Unternehmen beschäftigte im Jahre 1930 16 Angestellte und 110 Arbeiter.
Christine Bachmann besuchte mit dem 7. Lebensjahr das Mädchenpensionat in Altenburg, erlangte ihr Abitur und absolvierte die Handelsschule. Im Altenburger Mädchenpensionat erfuhr die junge Christine Moeschler eine strenge Erziehung zur „höheren Tochter“ und zum jungen „Fräulein“. Die Schule gehörte zum Magdalenenstift Altenburg; ihre Tradition reichte in das Jahr 1705 zurück und erfüllte ihren Dienst als Internat und Mädchenschule im Sinne einer evangelischen Erziehung. Die Mädchen mussten 7 Jahre alt sein und die Ausbildung war bis zum 17. Lebensjahr möglich. 1938 wurde der Schulbetrieb durch die Nationalsozialisten aufgelöst.
Das humanistische und christliche Bildungsideal der Schule prägten Christine Bachmann nachhaltig. So war es für sie selbstverständlich, dass sie die nationalsozialistische Diktatur der Jahre 1933 bis 1945 ablehnte. Christine Bachmann engagierte sich regional in der Bekennenden Kirche gegen das menschenverachtende System der Nationalsozialisten. Die Bekennende Kirche war eine Widerstandsbewegung evangelischer Christen gegen die Politik der Nationalsozialisten. Ausgangspunkt dieser – auch innerkirchlichen – Opposition gegen die staatlichen Gleichschaltungsbestrebungen war die Kirchenpolitik der Nationalsozialisten. Diese folgte dem Totalitätsanspruch der nationalsozialistischen Ideologie. Dabei verfolgte die NSDAP seit ihrer Gründung eine Doppelstrategie: Ihr Programm erklärte das „positive Christentum“ einerseits zur Volksreligion aller Deutschen, um die Christen zu vereinnahmen, und ordnete es andererseits dem Rassismus und Nationalismus unter. Dabei strebten Teile der NSDAP eine langfristige Auflösung und Ersetzung des Christentums durch ein Neuheidentum an. Durch den Alliierten Kontrollrat wurde die Bekennende Kirche 1945/46 als „aktive antifaschistische Widerstandsbewegung“ anerkannt.
Nach Ende des durch die Nationalsozialisten angefachten Zweiten Weltkrieges erfuhr Christine Bachmann in den 1940er und 1950er Jahre tiefe Einschnitte in die Familienexistenz. Am 1. Juli 1945 fiel Meerane in die Sowjetische Besatzungszone (SBZ). Der unmittelbar einsetzende Enteignungsprozess führte zu einer radikalen Veränderung der Eigentumsverhältnisse. In Sachsen kam es am 30. Juni 1946 zu einem inszenierten Volksentscheid über die Enteignung von so genannten „Kriegs- und Naziverbrechern“ (Gesetz über die Übergabe von Betrieben von Kriegs- und Naziverbrechern in das Eigentum des Volkes). Dieser „Volksentscheid“ war eine wichtige Etappe im ideologisch geprägten Enteignungsprozess. Die Fa. Oskar Moeschler KG wurde unmittelbar nach dem „Volksentscheid“ enteignet. Die Firmenbezeichnung Oskar Moeschler KG, Maschinen- und Webstuhlfabrik Meerane datierte noch bis in das Jahr 1953. In der Folge wurde das Moeschlerfabrikgebäude durch den VEB Webstuhlbau Meerane genutzt und danach von der IFA übernommen.
Trotz massiver ideologischer Hetze gegen das freie Unternehmertum – und auch gegen ihre Familien - blieb Christine Bachmann in ihrer Heimatstadt. Sie heiratete 1951 den Ziegeleibesitzer Erhard Bachmann, dessen Firmengelände sich in der Crotenlaide befand. Das Unternehmen wurde jedoch 1959 verstaatlicht. So erlebte Christine Bachmann nach der Enteignung der Firma ihres Vaters mit der Enteignung der Firma ihres Mannes zum zweiten Mal den Eingriff des Staates in das Eigentum.
Beruflich wirkte Christine Bachmann über viele Jahre als Chefsekretärin in der Palla (Werk am Weberbrunnen). 1990 verstarb ihr Ehemann Erhard Bachmann.
Christine Bachmann war seit 1992 Mitglied der „Arbeitsgruppe Stadtchronik“ des Meeraner Bürgervereins (im Foto links 3.v.l.), die für ihr Wirken mit der Bürgermedaille 2007 der Stadt Meerane ausgezeichnet wurde. Sie war Mitverfasserin dreier Zeittafeln. Christine Bachmann war äußerst belesen und besaß hervorragende Kenntnisse zur Meeraner Stadtgeschichte und -entwicklung. Dieses Wissen gab sie bei unzähligen Anfragen stets hilfsbereit und freundlich weiter. Deshalb wurde sie von allen hoch geschätzt und geachtet.
Für Christine Bachmann wartete das Unbekannte stets darauf, entdeckt zu werden. Offene Fragen, die scheinbar ohne Antwort sind, weckten stets ihre Neugier. Über viele Jahrzehnte lebte sie Meeraner Stadtgeschichte, gab Auskunft darüber und verband diese stets mit ihren familiären Wurzeln. Auf bewundernswerte Weise ist sie trotz vieler zeitgeschichtlich bedingter Rückschläge nie eine Gefangene ihrer Erfahrungen geworden. Immer wieder stellte sie sich optimistisch den neuen Entwicklungen.
Christine Bachmanns Weite des Blicks war bewundernswert. Für viele war sie eine große Inspirationsquelle. Aus ihren Worten sprach eine Leidenschaft, die aus tief gründender Ruhe erwuchs, ganz ihrer noblen und humanistischen Art entsprechend. Wir werden ihre Kreativität, ihr Wissen, ihren Elan und ihre Freundlichkeit sehr vermissen. Christine Bachmann hat sich um Meerane verdient gemacht. Die Stadt Meerane wird ihr mit Dankbarkeit stets gedenken.
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