Zum 110. Geburtstag von Werner Bochmann
In der Beilage zum MEERANER BLATT Nr. 26 vom 11. Mai 1990 erschien der folgende Beitrag des Meeraner Schriftstellers Wolfgang Eckert, den wir mit freundlicher Genehmigung des Autors anlässlich des 110. Geburtstages von Werner Bochmann am 17. Mai 2010 veröffentlichen.
Werner Bochmann wird 90!
Die alten und älteren Meeraner kennen das Lied, von den jüngeren einige vielleicht auch. Im Heinz-Rühmann-Film „Quax, der Bruchpilot" war es zu hören. Es ging so ins Ohr, daß es sich verselbständigte und durch die Nazis gegen das eigentliche Anliegen von Komponist und Textdichter zu einem Front-Hit gemacht wurde: „Heimat, deine Sterne". Wer aber weiß, daß dieses in aller Welt gespielte Lied eine absolute Meeraner Produktion ist? Der Textdichter hieß Erich Knauf, an den hier im „Meeraner Blatt" schon erinnert wurde, der Komponist heißt Werner Bochmann. Er wird am 17. Mai 90 Jahre alt. Das ist am kommenden Donnerstag. Und wer seine Glückwünsche nicht zum Dekan-Maier-Weg hoch über dem oberbayerischen Schliersee senden möchte, der denke wenigstens an diesem Tag daran und freue sich, daß einer der ganz Großen unter den Filmkomponisten in Meerane geboren wurde.
Heiter schreibt mir Werner Bochmann 1975 von der Augustusstraße, jetzt August-Bebel-Straße, als der Straße seiner „zweiten Jugend", wo er etwa zwischen 1905 und 1910 in der Nr. 71 (Haus Lüpfert) gewohnt hat und dort 1907 das erste Meeraner Kino eröffnet wurde. Dies war vermutlich frühzeitig für ihn eine auf seine Kinderseele förderlich einwirkende Begegnung. Er hat weit über 100 Filmmusiken geschrieben. Zu Knauf-Texten komponierte er u. a. noch folgende Melodien: „Ein Flieger hat den Bogen raus", „Mit Musik geht alles besser", „Glocken der Heimat", „Heute abend in der blauen Stunde", „Ich freue mich, daß wieder Sonntag ist".
Werner Bochmann studierte nach Abitur und Kriegsdienst Chemie an der Technischen Hochschule in Dresden. Die Inflation aber leerte des Vaters Spendiertaschen. So trennte sich Werner Bochmann von der Chemie und begann sein ersehntes Musikstudium selbst zu finanzieren. Er korrepetierte. Das ist nichts Unanständiges, sondern bedeutet, er gab privaten Musikunterricht. Natürlich war er ein sehr guter Pianist. Eines Tages hörte er die argentinische Tanzkapelle José Soler; er hörte Paso dobles, Sambas, Tangos, und die inspirierten ihn so, daß er Pianist in der Kapelle wurde, da der bisherige Pianist nach Argentinien zurück wollte. Damit begann Werner Bochmanns Karriere zu einem der modernsten Unterhaltungskomponisten der damaligen Zeit. Wer jedoch nun glaubt, dies geschah reibungslos, der irrt. Bochmanns Art, zu komponieren, stößt zunächst in Deutschland auf wenig Verständnis. Das hat auch etwas mit der bereits politisch gesteuerten Tendenz gegen den amerikanischen Jazz zu tun. Aber ein starkes Talent ist nicht aufzuhalten, sofern eine gehörige Portion Fleiß hinzukommt. Und den hatte Werner Bochmann. Welcher Schlager ihm zum Durchbruch verhalf, das wird er wohl selber am besten wissen. Vielleicht war es, als Heinz Rühmann und Hertha Feiler sein Lied mit dem Text von Bruno Balz sangen: „Mir geht‘s gut, ich bin froh, und ich sag dir auch, wieso . . ." Werner Bochmann schrieb mir: „Ich hatte mit meinen Textautoren großes Glück, und sie haben einen Löwenanteil an meinem Welterfolg." Das ist sehr anständig von ihm. Unbestritten aber bleibt, daß seine „Ohrwürmer" auch den Texten Flügel gaben. Er hatte vier Textdichter: Erwin Lehnow, Bruno Balz, Erich Knauf und Kurt Feltz. Die Palette seiner Melodien ist in ihrer Farbigkeit schier unerschöpflich. Um dies bildlich zu machen oder im übertragenen Sinn für Werner-Bochmann-Kenner akustisch, zähle ich noch einige Titel auf: „Abends in der Taverne", „Wer ist hier jung, wer hat hier Schwung", „Der Theodor im Fußballtor", „Du und ich im Mondenschein", „Die kleine Stadt will schlafen gehn". Sofort tauchen in Verbindung mit diesen Titeln auch gleich bekannte Namen auf: Heidemarie Hatheyer, Rene Deltgen, Margot Hielscher, Theo Lingen, Hans Moser, Gustav Knuth, Gustav Fröhlich, Gert Fröbe und Ilse Werner.
Fast unbemerkt gab es im Januar 1987 eine kleine Premiere, als zur Veranstaltung „Alte Liebe rostet nicht" in Meerane Werner Bochmanns „Die kleine Stadt will schlafen gehn" auf der Bühne gespielt und gesungen wurde. Ich war in diesem Augenblick ein bißchen ergriffen und auch traurig. Denn ich hatte immer einen stillen Wunsch: Daß Werner Bochmann eines Tages offizieller Gast in seiner Heimatstadt Meerane ist und seine schönsten Melodien selber dirigiert. „Die kleine Stadt will schlafen gehn" - vielleicht ist es von mir eine Unterstellung, aber ich glaube, er hat beim Komponieren dabei auch an Meerane gedacht. Er hat seine Heimatstadt nie verheimlicht, er hat sich immer zu ihr bekannt. 1974 schrieb ich in dem Feuilleton „Die Meeraner Weberstadt und ihre Leute" (Aus „Sachsen. Ein Reiseverführer") u. a. daß Werner Bochmann ein Sohn Meeranes gewesen sein soll, aber es findet sich keiner, der es beweisen will. Das war damals von mir ironisch gemeint. Denn die Verklemmung der Stadtväter erschien mir mehr als kläglich. Sie hatten wohl „Glocken der Heimat", „Heimat, deine Sterne" und „Gute Nacht, Mutter", das auch von Werner Bochmann stammt und oft in den Wunschkonzerten der Nazi-Sender gespielt wurde, im Ohr. Aber haben diese Lieder Menschen getötet? Haben sie nicht vielmehr in einer grausamen Zeit Menschen Trost gespendet? Das Schlimme daran ist doch, daß sie von den damaligen Machthabern zum Zweck der Volksverhetzung benutzt wurden. Werner Bochmann hat mit seinen Melodien Freude bereiten wollen. Das ist ihm gelungen. „Mit Musik geht alles besser" - die Meeraner Bochmann/ Knauf-Produktion ist ein Hit geworden und wird es bleiben.
Einmal sinnierte Werner Bochmann in einem Brief an mich darüber nach, wo ich wohne. Zu seiner Zeit gab es die Siedlung noch nicht. Es müßte, schrieb er, unterhalb der Straße nach Schönberg sein, wo mich einst meine Kinderfrau aus dem Kinderwagen verlor.
So weit geht seine Erinnerung zurück und zeigt die Verbundenheit mit seinem Meerane. Wir sind mit ihm verbunden. Gratulation und alles Gute!
Wolfgang Eckert
|