Aktuelles (07.05.2010)

 

Meeraner Schriftsteller lässt Kinderzeit in Meerane lebendig werden

„Das ist wieder ein Buch, das man gern kauft“, sagte einer der Besucher nach der Lesung. Dieser Meinung waren viele, wie die langen Schlangen vor dem Verkaufsstand der Buchhandlung Goerke und vor dem kleinen Tisch bewiesen, an dem Wolfgang Eckert sein neues Buch „Das ferne Leuchten der Kindheit“ signierte. Der Meeraner Schriftsteller stellte am 3. Mai 2010 im Veranstaltungssaal der neuen Stadtbibliothek sein soeben erschienenes Buch vor. 190 Besucher waren gekommen, so viele wurden noch nie seit der Eröffnung der Bibliothek bei einer Lesung in diesem Haus gezählt.

Bürgermeister Professor Dr. Lothar Ungerer übernahm es, den Schriftsteller und die vielen Besucher, zu denen auch der Meeraner Ehrenbürger Dietmar Koenitz, Pfarrer a.D., zählte, zu begrüßen. Doch zuerst gratulierte er Wolfgang Eckert herzlich zum Geburtstag. Wenige Tage zuvor, am 28. April, hatte Eckert seinen 75. gefeiert, was man ihm nicht ansieht. „Jeder, der sich die Fähigkeit erhält, Schönes zu erkennen, wird nie alt werden“ zitierte der Bürgermeister Franz Kafka. In Anspielung auf Wolfgang Eckerts Buch „Der Meeraner Bote“ fügte er hinzu: „Wolfgang Eckert hat eine Botschaft, die er in ausgezeichneter, vergnügter oder bissiger Form präsentiert. Er ist auch ein Botschafter für unsere Stadt.“

Dann übernahm der Schriftsteller das Mikrofon. Er sei überrascht, dass so viele gekommen sind. „Ich dachte, das hört hier auf“, sagte er und zeigte auf die achte Stuhlreihe. „Aber das fängt ja dort erst an“, sorgte er bereits für das erste Lachen des Publikums.
Ein Problem sei immer die Auswahl bei einer Lesung, erklärte Wolfgang Eckert. „Also lese ich etwas vom Anfang und etwas vom Ende. Was dazwischen ist, da müssen Sie das Buch schon kaufen, soviel habe ich vom Kapitalismus gelernt“, sagte er und erntete erneut Heiterkeit. Er werde eine Stunde lesen, erklärte er. „Sie haben 5 Euro bezahlt, da muss ich Ihnen etwas bieten.“ Wer Eckert kennt, weiß, dass er auch so schreibt – humorvoll und hintersinnig.
Dann beginnt er zu lesen. In der ersten Geschichte des Buches begegnet er sich selbst als Kind, als Jungen, der von einem Schulausflug zurückkommt in die Meeraner Karl-Schiefer-Straße, die Straße, in der Wolfgang Eckert aufgewachsen ist. Diese Straße und das Haus, in dem er mit seinen Eltern wohnte, die Menschen, die Kinder, sie begleiten den Leser durch das Buch – ernst und nachdenklich, heiter und humorvoll. So schildert er die öffentliche Bestrafung einer jungen Frau, die zur Zeit des Nationalsozialismus eine Beziehung zu einem französischen Zwangsarbeiter hatte. Ihr wurde vor einer gaffenden Menge auf dem Markt der Kopf geschoren, sie öffentlich zur Schau gestellt. „Die kleine Stadt war nun um ein Ereignis reicher“, reflektiert der Schriftsteller Wolfgang Eckert das damalige Geschehen, denn begriffen hatte das Kind Wolfgang Eckert alles erst viel später. Die Amerikaner kommen nach Kriegsende in die Stadt, Soldat Joseph wird für die Kinder zum Inbegriff aller Amerikaner – Kaugummi und Erdnüsse kauende Männer. Sie bringen den Kindern das Baseball-Spiel bei, und „währenddessen wurde in der Stadt munter geplündert“, erinnert sich Eckert. Sein Großvater ergatterte ein Bündel schwarzer Herrensocken, die später Stück für Stück bei den Bauern auf den Dörfern, die sonntags beim Kirchgang schwarze Socken trugen, gegen Lebensmittel eingetauscht wurden.
Auch an seinem eigenen Heranwachsen lässt er den Leser teilhaben, am Unverständnis der Jungen über die sonderbaren Wesen Mädchen, eine erste Schwärmerei, ein erstes Rendevouz, erzählt liebevoll von seinen Eltern und Verwandten. Das Buch endet mit dem Beginn seines Literaturstudiums in Leipzig, wo er beim Tanz ein Mädchen mit braunen Augen kennenlernt, Röntgenassistentin in der Orthopädischen Universitätsklinik. Sie teilt seinen Humor: In seinem kamelhaarfarbigen Wintermantel - „Diesen Mantel nicht zu beschreiben wäre ein Verlust“ - in dem er am Neuen Rathaus im kalten Advent auf sie wartete, habe er ausgesehen wie „eine riesige Landschildkröte in einem gewaltigen Panzer“, sagte das Mädchen charmant - bis heute die Frau an der Seite Wolfgang Eckerts.
Das Publikum dankte mit langem Applaus für einen unterhaltsamen, vergnüglichen und nie langweiligen Abend.

Viele Besucher kennen Wolfgang Eckert, manche sind mit ihm aufgewachsen, zur Schule gegangen. Eckert habe als Kind mit einem Schneeball nach einem Mädchen gezielt, aber die Haustür seiner Eltern getroffen, erzählt ein Besucher aus seiner eigenen Kindheitserinnerung. „Dafür möchte ich mich heute noch entschuldigen“, erklärt Eckert sofort und bestimmt mit einem hintergründigen Lächeln und wieder lacht sein Publikum.
Fast eine Stunde signiert Wolfgang Eckert anschließend Bücher – fast 100 Stück - für seine Leser, viele bedanken sich für den schönen Abend. „Mir hat es sehr gefallen, es ist, wie das Leben spielt“, sagt ein Besucher, „Ich war als Kind oft bei Eckerts, ich habe vieles wiedererkannt“ ein anderer. Noch lange stehen die Besucher zusammen, und das Mädchen mit den braunen Augen war an diesem Abend ebenfalls eine gesuchte Gesprächspartnerin.

Bürgermeister Professor Dr. Lothar Ungerer (re.) begrüßte Wolfgang Eckert und die Besucher zur Lesung in der Stadtbibliothek.

Viele Autogrammwünsche erfüllte der Schriftsteller nach der Lesung.

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