Aktuelles (14.09.2010)

 

Notizen zum Wandel des Postwesens in der Stadt Meerane

von Bürgermeister Professor Dr. Lothar Ungerer

Noch im Jahre 1819 gab es in Meerane (und auch in Glauchau) keine eigenen Postanstalten. Meerane war dem Bezirk der Postanstalt Gößnitz zugeordnet. In Gößnitz kam die Reitpost und Fahrpost an. Postsendungen nach Meerane gingen dann über die Postanstalt Gößnitz und wurden durch einen Postboten aus Gößnitz immer donnerstags und sonntags in Meerane ausgetragen. Wer seine Postsachen früher haben wollte, musste selbst nach Gößnitz zur Abholung reisen. Dies galt auch für die abgehende Post. Entweder brachte man sie nach Gößnitz oder sie konnte dem rückgehenden Postboten an den Zustell-Wochentagen Donnerstag und Sonntag gegen Bezahlung mitgegeben werden.
Die Glauchauer wurden in dieser Zeit über die Postboten aus Lichtenstein und Zwickau versorgt.

Mit dem Jahre 1820 änderte sich die Situation. Meerane und Glauchau hatten mit ihren Bemühungen beim Oberpostamt Leipzig Erfolg, eine Anschlusspost mit einer eigenen Postanstalt zu erreichen. Ab dem 1. Januar 1820 wurde eine viermalige Fahrpost in der Woche von Gößnitz über Meerane nach Glauchau und zurück eingerichtet. Erster Postverwalter wurde in Meerane der Bäckermeister Adolph Schulze, der als Nebengeschäft die erste Meeraner Post (eine so genannte „Postexpedition“) führte. Bäckermeister Schulze hatte sein Geschäft erst in der Badergasse 1 und dann am Neumarkt. Mit der Industrialisierung und der damit verbundenen gewaltigen Expansion der Stadt Meerane änderte sich Mitte des 19. Jahrhunderts auch das Postwesen.
Ab dem 1. Mai 1853 wurde aus der „Postexpedition“ ein Postamt II. Klasse, das ab dem 1. Dezember 1859 zum Postamt I. Klasse aufgestuft wurde. Die Ausweitung des Postwesens erforderte auch neue räumliche Entwicklungen. Den entscheidenden Schritt vollzog die Sächsische Postverwaltung mit einem Grundstückskauf im August 1864 in der Poststraße 26 (vormals Lilienstraße). Die Postverwaltung baute in den Jahren 1864/65 ein eigenes Postgebäude, das 1884/85 umgebaut wurde.
Der Ausbau des Meeraner Postamtes hing in dieser Zeit auch mit der Postbeförderung durch die neu errichtete Eisenbahnlinie zusammen. Ab dem 16.11.1858 erfolgte der Posttransport per Bahn. Die letzte Postkutsche Gößnitz - Meerane - Glauchau verkehrte bekanntlich am 15.11.1858.
Bis zu diesem Tag diente das heutige „Romantikhotel Schwanefeld“ als Posthalterei mit Pferdewechsel und Rastmöglichkeit.
Um die Jahrhundertwende 19./20.Jahrhundert wandelte sich das Postwesen erneut. Die Postsachen nahmen durch die immer noch größere werdende Stadt zu und neue Techniken hielten ihren Einzug (insbesondere Telegrafie und Telefonie). Die Sächsische Postverwaltung baute in den Jahren 1900 bis 1902 erneut. Am 18. Januar 1903 bezog die Post ihr neues Gebäude in der Poststraße 20-24. Das im neobarocken Stil erbaute prächtige Postgebäude verdeutlicht die Bedeutung des Postwesens in dieser Zeit. Im 1. Obergeschoss entstand eine moderne Fernsprechvermittlungsstelle.
Die Telefonie entwickelte sich seit dem Jahre 1885 kontinuierlich. Sie startete mit einer Stadtfernsprecheinrichtung und 48 Sprechstellen. 1888 wurde in Meerane der Sprechverkehr mit den Nachbarstädten eingerichtet und ab 1889 der Fernsprechverkehr (erst mit Berlin). Am 16. August 1898 startet die erste „Öffentliche Fernsprechstelle“ und im Jahre 1928 startete das „Selbstanschlussamt“ mit 1504 Sprechstellen (davon 284 private Nebenanschlüsse). Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass die Telegrafie im Jahre 1858 in Meerane eingeführt wurde.

Über 100 Jahre leistete das prunkvolle Postgebäude seine Dienste. Im Zuge der gewaltigen Umstrukturierungen der Post verlor das Gebäude vor allem in den 2000er Jahren seine Bedeutung. Es wurde für eigene Postdienstleistungen am 25.06.2002 geschlossen. Letzter Dienststellenleiter war Herr Rolf Pinter. Seit diesem Zeitpunkt werden Postdienstleistungen durch das (private) Handels- und Dienstleistungsunternehmen Mirko Kenn in der Badener Straße 11 erfüllt. Wie bereits 1820 im Geschäft von Bäckermeister Adolph Schulze wird die Post heute im Geschäft von Herrn Mirko Kenn und Herrn Bernd Kenn erledigt. Welch Wandel in 180 Jahren. 

Im Jahre 2008 verkaufte die Deutsche Post AG bundesweit 1.240 Immobilien, davon 128 aus dem Freistaat Sachsen. Beide Meeraner Postgebäude wurden an die Lorac Investment Management Luxemburg verkauft, mit einer ungewissen Zukunft. Da beide Objekte dem Denkmalschutz unterliegen, konnte die Stadt Meerane ein Vorkaufsrecht ausüben. Der Meeraner Stadtrat beschloss am 27. Mai 2008 den Ankauf zur Sicherung dieser bedeutsamen Baudenkmäler. Die Gesamtfläche der Grundstücke beträgt 3.810 qm. Der Kaufpreis lag bei 304.000 Euro. Die endgültige Eigentumsübertragung an die Stadt Meerane erfolgte erst im Juni 2010. Die Gebäude sollen künftig das Städtische Archiv beherbergen. Mit dem eingemieteten Zustelldienst der Post im neobarocken Gebäude ist in Teilen des Erdgeschosses die Posttradition noch erhalten.


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