Aktuelles (09.11.2010)

 

Professor Dr. Lothar Ungerer, Bürgermeister der Stadt Meerane

Geleitwort zum 9. November 1938

Zum ehrenden Gedenken an die jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger unserer Stadt, die in den Jahren der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft zwischen 1933 und 1945 vertrieben oder verschleppt oder ermordet wurden.

 

Vor 72 Jahren erfolgte am 9. November/10. November der staatlich organisierte Pogrom gegen die Juden in Deutschland.
Mit der Reichskanzlerschaft im Januar 1933 hatten Adolf Hitler und die NSDAP den entscheidenden Schritt vollzogen, der es Hitler ermöglichte, seinen Hass gegen die Juden in die Tat umzusetzen. Der Terror gegen jüdische Mitbürger begann allgemein unmittelbar nach dem 30. Januar 1933.

Lion Feuchtwanger (1884-1958, deutscher Schriftsteller, Exil ab 1933) charakterisierte die nationalsozialistische Gewaltpolitik gegen das jüdische Leben in Deutschland:

„Nein, es sind keine Exzesse!
Nein, es sind keine 'Ausschreitungen'!
Es ist der kalt-überlegte, zynisch ersonnene, mit dem nationalsozialistischen System unlösbar verbundene Meuchelmord an einer wehrlosen Minderheit.“

In unserer Stadt bildeten in dieser Zeit die jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger keine eigene Religionsgemeinde. Sie waren der Israelitischen Religionsgemeinde Chemnitz zugehörig, da ihre Gruppe zu klein war. Der jüdische Bevölkerungsanteil lag im Jahre 1933 bei 0,11%. Die Stadt Meerane zählte 1933 mit ihren 27 jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürgern 24.588 Einwohner.

Die nationalsozialistische Hetze entlud sich in Meerane nach außen sichtbar an und um zwei Daten, dem 1. April 1933 und dem 9. November 1938.

Von den nationalsozialistischen „Boykottaktionen“ gegen jüdische Geschäfte, die ab dem 1. April 1933 organisiert wurden, war auch das etablierte Bekleidungsgeschäft „Hamburger“, das von Frau Frida Blumenthal geführt wurde, betroffen. Sie wurde am 1. April 1933 verhaftet und wieder entlassen. Die Hetze der Nazis zerrüttete den inneren Frieden von Frida Blumenthal derart, dass sie in der Nacht zum 3. April 1933 freiwillig aus dem Leben schied. Von ihrem Neffen, Alfred Born, ist überliefert, dass „sie glaubte, nicht länger leben zu können“. Sie ist auf dem Chemnitzer Israelitischen Friedhof beerdigt.

Alfred Born übernahm das Bekleidungsgeschäft. Er wurde Opfer in der Pogromnacht am 9. November 1938.

Dieser staatlich organisierte Pogrom gegen die Juden in Deutschland am 9. November und 10. November 1938 führte in Meerane zu massiven Aktionen gegen jüdische Geschäfte und Unternehmen. Betroffen war auch die Chemische Fabrik Meerane der Familie Wertheim. Der Senior-Chef, Joseph  Wertheim, wurde in der Folge des November-Pogroms in das Konzentrationslager Theresienstadt deportiert, wo er den Tod fand. Seit Sohn Willy Wertheim starb bereits am 11. September 1935 an den Folgen von Mißhandlungen während seiner Haftzeit im KZ Sachsenburg.

Alfred Born, der sein Bekleidungsgeschäft in der August-Bebel-Straße 63 führte,  wurde am 9. November 1938 von der SA misshandelt und verhaftet. Laden und Wohnung verwüstet. Er kam in das KZ Buchenwald. Am 7. Dezember wurde er mit der Maßgabe entlassen, Deutschland bis Ende 1939 zu verlassen. Alfred Born überlebte die Nazidiktatur.

Das Schicksal der Familie Wertheim fand seine Erinnerung in dem Projekt „Stolpersteine“ des Künstlers Gunter Demnig. Es wird an die Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft mit Gedenktafeln aus Messing erinnert, die vor ihrem letzten selbstgewählten Wohnort ins Trottoir eingefügt werden. „Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist" , sagt Gunter Demnig. Mit den Steinen vor den Häusern wird die Erinnerung an die Menschen lebendig, die einst hier wohnten. Die Gedenksteine für Herrn Willy Wertheim und Herrn Josef Wertheim wurden im Jahr 2009 angebracht. Es folgen nun Frau Frida Blumenthal und Herr Alfred Born.


<< zurück