Aktuelles (15.11.2010)

 

Gedenkfeier zum Volkstrauertag 2010

Ansprache von Bürgermeister Professor Dr. Lothar Ungerer

Krieg.

Wir Deutsche denken bei dem grausen Wort an den großen europäischen Bürgerkrieg 1914-1918 und an den Zweiten Weltkrieg 1939-1945.
Vielleicht denken wir noch an den Kalten Krieg, die nukleare Konfrontation der beiden Militärblöcke, der einen heißen Krieg auf den alten Schlachtfeldern zwischen Verdun und Berlin verhinderte.
Europa war in dieser Zeit „Central Front“ eines Krieges, der allein durch seine Furchtbarkeit, die beide Seiten kannten, gefesselt war.
Sieg wurde erkennbar zur Illusion, gemeinsamer Untergang war Gewissheit.

Unterdessen gab es kleine und mittlere Kriege in der Welt (Korea, Vietnam, Angola, Golfkrieg Iran/Irak, Nahostkonflikt). Den Europäern blieben solche Katastrophen erspart.
„Kleine Kriege“ (einen Sachverhalt, den Carl von Clausewitz 1832 in seiner Abhandlung „Vom Kriege“ erklärt) sind heute die Regel. So der Krieg von al-Qaida, der Kampforganisation des Osama Bin Laden, die das Kriegshandwerk in Afghanistan gegen die Sowjets lernte und ein Jahrzehnt später am 11.9.2001 die USA angriff. Seitdem weiß sich die Welt bedroht. Eine Bedrohung, die nicht auf den Besitz von Territorien zielt, sondern das Gewebe der Gesellschaft zerstören will. Terror heißt Schrecken: Terror zerstört das Gewebe von Vertrauen, das die moderne Zivilisation möglich macht. Terror ist ein Krieg gegen die freie Zivilisation.

Deutsche Soldaten sind seit 2001 mit den Verbündeten der Internationalen Sicherheitsunterstützungstruppe (ISAF) in Afghanistan im Krieg gegen diesen Krieg.
Unser Gedenken am Volkstrauertag gehört auch den 44 gefallenen Bundeswehrangehörigen dieses Einsatzes.
So starben am 2. April des Jahres drei deutsche Soldaten, acht wurden schwer verwundet. Am 15. April fielen vier deutsche Soldaten, als ihr gepanzertes Fahrzeug in einen Hinterhalt der Taliban geriet. Die Bilder der Gefallenen und die Erinnerungen der schwer verwundeten Soldaten fanden ihren Weg nach Deutschland und zwingen uns unerbittlich die Frage auf, wozu dieser Krieg dienen soll.
Die deutschen Soldaten am Hindukusch – sie verteidigen die freie Lebensform unserer Gesellschaft gegen den weltweiten „kleinen Krieg“, den Terrorkrieg.

GG, Artikel 1: Die Menschenwürde ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.

Die Bundeswehr im Einsatz ist heute eine vom Parlament in den Einsatz geschickte Armee. Die Soldatinnen und Soldaten verrichten ihren Dienst im Auftrag des Volkes.

Wir gedenken heute der Soldaten, die in diesem Einsatz starben.

Meine sehr verehrten Damen und Herren, der Volkstrauertag fällt in diesem Jahr auf den 14. November.

Vor 70 Jahren, am 14. November 1940, flog die deutsche Luftwaffe einen schweren Bombenangriff mit 515 Flugzeugen auf die englische Stadt Coventry („Operation Mondscheinsonate“).
Ziel waren die Industrieanlagen Coventrys, wobei in Kauf genommen wurde, dass auch Wohngebiete und Kulturgüter in erheblichem Ausmaße getroffen würden.
Bilanz: Zerstörung 75 % der Industrieanlagen, 60.000 Gebäude getroffen, 4.000 Wohnungen zerstört, Krankenhäuser, Wasser- und Gasversorgungsnetze zerstört, Feuerwehrzentrale, Kathedrale von Coventry.
Hochexplosive Bomben sprengten Krater in die Straßen, sprengten Dächer auf; Luftminen zerstörten Dächer, Brandbomben gelangten dadurch mit ihren tödlichen Brandmitteln in die Gebäude.
Die Folgen waren verheerend. Totale Zerstörung. Hundertfacher Tod. Keine Schonung der Zivilbevölkerung, die dem Angriff ausgeliefert war.

Im November 1940 feierte die NS-Propaganda diese neue Art des Angriffs als „coventrieren“. Wir wissen, wie furchtbar diese Form des Krieges gegen die Städte und die Zivilbevölkerung dann später deutsche Städte heimsuchte.

Erzählungen zu Luftangriffen gab es auch in meiner Familie. Diejenigen unter uns, die solche Luftangriffe nicht persönlich miterleben mussten, sind dankbar dafür, dass ihnen ein solches – körperliche und seelische Verstümmelungen hinterlassendes – Erlebnis, wie es Millionen unschuldiger Bürgerinnen und Bürger von Guernica bis Rotterdam, von Coventry bis Dresden, Berlin, Hamburg, Stuttgart, Warschau und bis Stalingrad durchmachen mussten, erspart geblieben ist. Es ist für uns kaum vorstellbar, was die damals betroffenen Menschen erlitten haben, als im Verlauf des Kampfes die Kriegsmaschinerie zur Vollendung gelangte und Tod und Zerstörung, Entsetzen und Hass hervorrief, die nach Vergeltung und Rache verlangten.

Der Krieg hat grenzenloses unmenschliches Leid und Vernichtung für die Menschen gebracht; was für andere durch die Nationalsozialisten bestimmt war, traf dann Deutschland letztlich selbst.

70 Jahre danach wissen wir, wie Rache der Versöhnung, Vergeltung dem Wiederaufbau und Misstrauen der Zusammenarbeit weicht.
Der deutsche Philosoph jüdischen Glaubens, Martin Buber: „Liebe Deinen Nächsten, denn er ist wie Du.“

Für Versöhnung, Wiederaufbau und Zusammenarbeit steht die Frauenkirche in Dresden, mit ihrer Partnerstadt Coventry.

Für Versöhnung, Wiederaufbau und Zusammenarbeit steht Europa nach 1945 und nach 1990. Die nationalen und ideologischen Schranken sind weg. Die Staaten sind heute reif genug, ihre Souveränität in Freiheit mit anderen zu teilen und diesen Prozess in rechtlich verbindliche Übereinkünfte einzubringen. Das vereinte Deutschland ist ein Stabilitätsfaktor inmitten der europäischen Friedensordnung.

Bleiben wir im Kriegsjahr 1940, in dem sich der Zweite Weltkrieg ausweitete: Dänemark, Norwegen, Frankreich, Belgien, Niederlande, Luxemburg und England, wobei die Luftoffensive gegen England scheiterte. Die deutschen Invasionspläne wurden im Herbst 1940 aufgegeben. Dafür begannen die Pläne des deutschen Angriffes gegen die Sowjetunion, der im Juni 1941 erfolgte.
1940 wurde drei Konzentrationslager neu eingerichtet: Neuengamme bei Hamburg, Auschwitz und Groß-Rosen (bei Breslau), in dem auch der Meeraner Stadtrat Martin Hochmuth 1941 seinen gewaltsamen Tod fand.
Mit dem Ausbau der Konzentrationslager erhöhte sich der Druck auf die jüdischen Deutschen.

Lion Feuchtwanger (1884-1958, deutscher Schriftsteller, Exil ab 1933) charakterisierte die nationalsozialistische Gewaltpolitik gegen das jüdische Leben in Deutschland:
„Nein, es sind keine Exzesse!
Nein, es sind keine 'Ausschreitungen'!
Es ist der kalt-überlegte, zynisch ersonnene, mit dem nationalsozialistischen System unlösbar verbundene Meuchelmord an einer wehrlosen Minderheit.“

Ehrenmal 2. Weltkrieg auf dem Meeraner Friedhof.
Bürgermeister Professor Dr. Lothar Ungerer und Mitglieder vom Verband der Reservisten der Deutschen Bundeswehr e.V., Reservistenkameradschaft Pleißental (Foto), legten Kränze am Gedenkstein nieder.
Der Posaunenchor der Kirchgemeinde St. Martin umrahmte die Feierstunde.
Zahlreiche Gäste begrüßte Bürgermeister Professor Dr. Ungerer, darunter der sächsische Justizminister Dr. Jürgen Martens und Meeraner Stadträte.
Pfarrer Clemens Baumert von der Katholischen Kirche St. Marien Meerane.
Das Ehrenmal 1. Weltkrieg auf dem Meeraner Friedhof wurde neu gestaltet.
Die Namen der Gefallenen in der Trauerhalle 1. Weltkrieg wurden wieder lesbar gemacht, die Tafeln gesäubert.
Justizminister Dr. Jürgen Martens im Gespräch mit Bürgermeister Professor Dr. Lothar Ungerer und Christian Ligotzky, Mirko Herbst und Tino Werler von der Reservistenkameradschaft Pleißental.

Wir trauern heute um die Männer, Frauen und Kinder, die ihre Lebensträume und ihr Lebensglück durch Krieg und Gewaltherrschaft verloren. Erinnert sei an die Meeraner Bürgerin Frida Blumenthal und die Meeraner Familien Born und Wertheim.

Literarisch möchte ich in diesem Jahr das Lied vom „guten Kameraden“ aufgreifen. Der Text stammt von dem schwäbischen Romantiker Ludwig Uhland (1787-1862).
1812 wurden 15.000 württembergische Soldaten an Napoleon verkauft, die in den Russlandfeldzug mitziehen mussten.

Ich hatt einen Kameraden,
einen
Besseren findest Du nit.
Die Trommel schlug zum Streite,
er ging an meiner Seite
in gleichem Schritt und Tritt.

Eine Kugel kam geflogen;
Gilt es mir oder gilt es dir?
Ihn hat es weggerissen
Er liegt mir vor den Füßen,
als wär's ein Stück von mir.

Will mir die Hand noch reichen,
derweil ich eben lad.
„Kann dir die Hand nicht geben;
bleib du im ew'gen Leben
mein guter Kamerad!“


Die Verbindung aus Trauer und soldatischer Pflichterfüllung berührt zu allen Zeiten die Menschen.

Die Nationalsozialisten pervertierten dieses Pflichtgefühl. Die Schlagwörter „Du bist nichts, dein Volk ist alles.“ und „Führer befiehl, wir folgen.“ dokumentieren die Nichtachtung der eigenen Person und deren restloses Aufgehen in einem höheren Wesen, zu dem das deutsche Volk erklärt wurde. Damit erwies sich die Ideologie der deutschen Nazis als die totale Abkehr von den Prinzipien der Aufklärung, zu denen die Postulierung der Lebensrechte aller Menschen und die Selbstbestimmung gehört. Die totale Unterwerfung unter den Willen eines Mannes und das Bekenntnis zu absoluter Gefolgschaftstreue ist Teil der Menschenverachtung Adolf Hitlers, die bis zum Ende anhielt: Am 19. März 1945 ordnete er die Zerstörung Deutschlands an („Verbrannte-Erde-Befehl“). Gegenüber Albert Speer rechtfertigte er diesen Befehl: „Es ist nicht notwendig, auf die Grundlagen, die das Volk zu seinem primitivsten Weiterleben braucht, Rücksicht zu nehmen – denn das Volk hat sich als das schwächere erwiesen.“

Wir gedenken heute der Soldaten, die in den Weltkriegen starben, der Menschen, die durch Kriegshandlungen oder danach in Gefangenschaft und als Flüchtlinge ihr Leben verloren.

1945 trauerten Frauen und Kinder unserer Stadt um ihre verlorenen Männer, Väter und Söhne.
In einer – bis heute vorläufigen – Zahlenermittlung aus dem Jahre 1946 hat die nationalsozialistische Gewaltherrschaft tief in das Leben der Meeraner eingeschnitten:
840 gefallene Soldaten
565 Kriegsbeschädigte
607 Kriegswitwen
426 Kinder verloren ihre Eltern
23 Menschen starben bei einem Luftangriff

Wir gedenken heute der Meeraner Männer und Frauen des politischen und geistigen Widerstands, darunter Erich Knauf, der 1944 hingerichtet wurde.

In unserer Stadt starben eine unbekannte Anzahl inhaftierter Kriegsgefangener. Diejenigen, die mit dem Kriegsende die Gewaltherrschaft überlebten, kehrten von Meerane aus in ihre Heimatländer nach Frankreich und Italien, nach Serbien und in die Sowjetunion zurück.

Der nationale Wahnsinn führte zu Vertreibung; insgesamt wurden 14 Millionen Menschen aus Deutschland zu Flüchtlingen, auf der Suche nach einer neuen Heimat, die auch in Meerane gefunden wurde.

Wir gedenken heute auch der Meeraner Männer, die ihre Gefangenschaft nicht überlebten und vor allem in den unmenschlichen Lagern der Sowjetunion den Tod fanden.

Der Volkstrauertag ist ein Tag der Erinnerung und der Besinnung: der Erinnerung an Krieg und Gewalt und des Gedenkens an die Toten.
Wir verneigen uns in Trauer vor ihnen und bleiben ihnen verbunden in der dauerhaften Verpflichtung für Frieden, Freiheit, Demokratie und Menschlichkeit.

Kranzniederlegung am Ehrenmal für die Gefallenen des 1. Weltkrieges in Seiferitz.
Ehrenmal 1. Weltkrieg auf dem Friedhof Waldsachsen / Grab der gefallenen Soldaten auf dem Friedhof Waldsachsen.

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