Hochemotional und packend - Lesung mit Heidemarie Puls sorgte für bewegende Momente
Am 6. Oktober 2011 ist der Lesesaal der Meeraner Stadtbibliothek bis auf den letzten Platz besetzt, und als die Autorin Heidemarie Puls mit ihrer Lesung beginnt, wird es ganz still. In ihrem Buch „Schattenkinder hinter Torgauer Mauern“ berichtet sie über ihre dramatische Jugendzeit im geschlossenen Jugendwerkhof Torgau.
Diesen Jugendwerkhof durchliefen zu DDR-Zeiten über 4.000 Jugendliche zwischen 14 und 18 Jahren. Sie mussten körperlich schwere Arbeit leisten, dabei gehörten Prügel, Misshandlungen und weitere Verletzungen der Menschenwürde zu den „normalen“ täglichen Erziehungsmaßnahmen.
Dabei waren die inhaftierten Jugendlichen in aller Regel nicht kriminell. Heidemarie Puls, damals geborene Burkhardt, wurde von ihrem Stiefvater missbraucht und von der eigenen Mutter nicht unterstützt. Die Folge: Die damals zwölfjährige Heidemarie war so verzweifelt, dass sie versuchte, sich mit Tabletten das Leben zu nehmen. Da dies nicht glückte kam sie ins Krankenhaus und von dort in verschiedene Kinder- und Durchgangsheime. Hier flüchtete sie mehrfach, bis sie in den geschlossenen Jugendwerkhof Torgau abgeschoben wurde.
„Wo bin ich hier?“, liest Heidemarie Puls ganz langsam dem gebannten Publikum vor und kämpft mit den Tränen. Zu schlimm war die Zeit. „Hier wurde ich ein Nichts, das wurde mir klar…doch ich wollte stark sein, um überleben zu können…ich wollte es schaffen, irgendwann würde ich 18 werden.“ An dieser Stelle schwingt Hoffnung in ihrer Stimme, doch je weiter sie in die vergangenen Geschehnisse eintaucht, umso deutlicher wird, dass die Drangsale zunehmen und ihre kindliche Seele gebrochen ist. Sie schloss mit ihrem Leben ab, ein zweiter Selbstmordversuch folgte, der ebenfalls misslang.
Im Laufe der Jahre lernte Heidemarie Puls perfekt zu funktionieren, und so wurde sie bereits 8 Monate vor ihrem 18. Geburtstag in die Freiheit entlassen.
„Dann ging die Zeit der Verdrängung los“, berichtet Heidemarie Puls. Schließlich musste jeder entlassene Jugendliche eine Schweigepflichterklärung unterschreiben, welche forderte, keinen Ton über die Erlebnisse hinter den Mauern zu erwähnen – nirgends(!). Und daran hielt sie sich. Bis sie mit 42 Jahren aus „unerklärlichen“ Gründen „einfach so“ umfiel. Ihre Seele konnte nicht mehr – eine langwierige psychotherapeutische Behandlung folgte.
Erst 2006 gelang es Heidemarie Puls, diesen Teil ihrer Lebensgeschichte aufzuarbeiten.
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In der anschließenden Fragestunde gab Heidemarie Puls noch weitere sehr persönliche Einblicke. Auch Bürgermeister Professor Dr. Lothar Ungerer wollte nähere Einzelheiten wissen und brachte eine hochinteressante Unterhaltung in Gang. Der Bürgermeister betonte, dass es eine „absolut rechtlose Situation“ gewesen ist. „Wenn wir als Verwaltung in solchen Fällen um Amtshilfe gebeten werden, ist es für uns sehr schwierig, an die Betroffenen heranzukommen, dabei wäre das Gespräch so wichtig“, sagte er. Heidemarie Puls bestätigt dies: „Wenn man zugibt, in einem Jugendwerkhof gewesen zu sein, dann haftet einem ein Makel an. Wer will das in der heutigen Zeit schon?!“ Sie habe mittlerweile gelernt, damit umzugehen und fühle sich auch darin bestätigt. „Alles was ich aufschrieb half mir, mit der Situation besser klar zu kommen.“
Deshalb ist auch ihr Buch entstanden, und darum freut sie sich auch über die Möglichkeit des Dialoges mit dem Publikum. Dieses zeigte sich von Alt bis Jung hochinteressiert. Auch Angelika Albrecht, Leiterin der Stadtbibliothek, war sehr erfreut über diese wichtige Veranstaltung und bedankte sich zum Schluss für die zahlreich erschienen Gäste: „Es ist sehr wichtig, über solche Themen zu sprechen und diese auch öffentlich zu machen. Ich freue mich, dass wir hier in Meerane dazu die Möglichkeiten haben.“
Heidemarie Puls lebt heute mit ihrer Familie in Mecklenburg. Ihre Autobiografie war nominiert für den Sächsischen Kunstpreis für Toleranz und Demokratie 2009 und wurde gefördert durch die Landesbeauftragte für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR, Mecklenburg-Vorpommern.
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In der Meeraner Stadtbibliothek kann bis zum 9. November 2011 die Wanderausstellung "Auf Biegen und Brechen" der Initiative Geschlossener Jugendwerkhof Torgau e.V. besichtigt werden. Sie zeigt auf zehn Tafeln anschaulich den Alltag in dieser Einrichtung.
Öffnungszeiten der Stadtbibliothek Meerane, August-Bebel-Straße 49:
Montag 10 - 16 Uhr
Dienstag 10 - 18 Uhr
Mittwoch geschlossen
Donnerstag 10 - 18 Uhr
Freitag 10 - 15 Uhr
Samstag 10 – 12 Uhr |
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