Aktuelles (08.11.2011)

 

Professor Dr. Lothar Ungerer, Bürgermeister der Stadt Meerane

Geleitwort zum 9. November 1938

Zum ehrenden Gedenken an die jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger unserer Stadt,
die in den Jahren der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft zwischen 1933 und 1945 vertrieben oder verschleppt oder ermordet wurden.


Mit der Kanzlerschaft Adolf Hitlers im Januar 1933 wurde erstmals in der Geschichte Rassismus und Antisemitismus zum Regierungsprogramm erhoben. Bringt man es auf eine einfache Formel, beruhte die Vorstellung Hitlers und seiner Nationalsozialisten darauf, dass Menschen unterschiedlich viel wert seien. Bestimmte Menschen und Menschengruppen wurden als „minderwertig“ eingestuft, verfolgt und ermordet, dazu zählten auch die Menschen jüdischen Glaubens und Abstammung.
Die Grundlage zur völligen Entrechtung der deutschen Juden wurde durch die „Nürnberger Gesetze“ (15.09.1935) geschaffen: Das „Reichsbürgergesetz“ machte sie zu Staatsbürgern zweiter Klasse, die dazugehörigen Durchführungsverordnungen nahmen den deutschen Juden bis 1942 Zug um Zug alle Rechte. Um die Jahreswende 1941/42 liefen die Vorbereitungen für die Ermordung aller deutschen und europäischen Juden. Erst die Alliierten-Streitkräfte konnten 1945 dem Morden ein Ende setzen. Neuere Forschungen bestätigen die Zahl von fast sechs Millionen ermordeter Juden, die man schon unmittelbar nach dem Krieg geschätzt hatte. Weniger als die Hälfte von ihnen wurden in Vernichtungslagern umgebracht, die anderen fielen Erschießungen, der Erstickung in „Gaswagen“, Misshandlungen oder den Lebensbedingungen in den Lagern und Ghettos zum Opfer. Fast 95% der Opfer stammten aus Osteuropa. Von den knapp 600.000 deutschen Juden wurden über 180.000 ermordet,  über 400.000 Menschen mussten Deutschland verlassen und fanden Exil in anderen Ländern; 12.000 deutsche Juden überlebten in Deutschland. 

Einen entscheidenden Einschnitt in der Judenverfolgung bildete die „Reichskristallnacht“ am 9./10. November 1938. Vorwand für diesen staatlich organisierten Pogrom gegen die Juden in Deutschland  vor 73 Jahren bildete das Attentat eines jungen Juden auf einen deutschen Botschaftsangehörigen in Paris. Auf höhere Weisung (Hitler, Goebbels) zogen Truppen vor allem der SA zu Synagogen und Geschäften von Juden, zündeten sie an und zerstörten sie. Tausende von Juden wurden aus ihren Wohnungen getrieben und misshandelt. 27.000 jüdische Männer wurden noch während der „Kristallnacht“ in Konzentrationslager gesperrt.   

Aus den Akten des Kriminalamtes Chemnitz liegt der Stadt Meerane ein Protokoll vom 18. Januar 1947 über die Befragung eines Herrn E. B. aus Glauchau vor, in dem er seine Mitwirkung an der „Kristallnacht“ zugibt und schildert, wie er mit weiteren Mitwirkenden in Glauchau, Meerane, Mülsen und Oberlungwitz sich an den antijüdischen Aktionen mitbeteiligt. Er schildert die Übergriffe auf die Meeraner Familien Born und Wertheim.
Betroffen waren die Chemische Fabrik Meerane und das Wohnhaus der Familie Wertheim in der Crotenlaider Straße. Der Senior-Chef, Joseph Wertheim, wurde in der Folge der „Kristallnacht“ in das Konzentrationslager Theresienstadt deportiert, wo er den Tod fand.
Herr Alfred Born, der sein Bekleidungsgeschäft in der August-Bebel-Straße 63 führte, wurde in der Nacht  misshandelt und verhaftet. Laden und Wohnung verwüstet. Er kam in das KZ Buchenwald. Am 7. Dezember wurde er mit der Maßgabe entlassen, Deutschland bis Ende 1939 zu verlassen. Alfred Born überlebte die Nazidiktatur.

Die Schicksale der Familien Wertheim und Born finden ihre Erinnerung in dem Projekt „Stolpersteine“ des Künstlers Gunter Demnig. Es wird an die Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft mit Gedenktafeln aus Messing erinnert, die vor ihrem letzten selbstgewählten Wohnort ins Trottoir eingefügt werden. „Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist", sagt Gunter Demnig. Mit den Steinen vor den Häusern wird die Erinnerung an die Menschen lebendig, die einst hier wohnten. Der Gedenkstein für Herrn Joseph Wertheim wurde im Jahr 2009 angebracht, der Gedenkstein für Herrn Alfred Born in diesem Jahr.


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